Laster Liebe

Marlen Haushofers vielleicht immer noch unterschätzter Roman "Die Tapetentür"

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Nachwort eines ihrer Bücher bekennt Marlen Haushofer, "es gebe keine mühseligere Arbeit, als Romane zu schreiben", denn dabei sei es notwendig, "oft weite Strecken hin über Dinge und Vorgänge zu schreiben, die den Autor nicht gerade brennend interessieren, über die er aber berichten muß, um den gleichmäßigen Fluß einer langen Prosa nicht zu unterbrechen." Allerdings mag man ihr nicht so recht glauben, wenn man ihren erstmals 1957 erschienenen und nun in einer schön gebundenen Ausgabe neu aufgelegten Roman "Die Tapetentür" liest, in dem sie ihre kluge und gebildete Protagonistin, die 30-jährige Annette, ebenfalls über das Schreiben von Romanen räsonieren lässt. Annette ist Bibliothekarin und bezeichnet Lesen als ihren Beruf. Zu ihrer Lektüre gehören Kant und Schopenhauer. Insbesondere der Einfluss des Letzteren macht sich in ihren häufigen Reflexionen bemerkbar - etwa zum Terror des Nationalsozialismus, zur Legitimität des Kinderkriegens und zu zahlreichen weiteren Menschheits- und zeitgeschichtlichen Fragen "in einer Welt, in der die einzigen Taten nur noch in Raub, Vergewaltigung und Mord bestehen" und in der man sich erst dann in Sicherheit befinde, wenn man tot ist.

Das eigentliche Thema des Romans ist jedoch ein ganz anderes: die Liebe. Von ihr wird Annette regelrecht überfallen, als sie Gregor kennen lernt. Es ist eine schreckliche, eine grausame Liebe, von der sie sehenden Auges vernichtet wird, sogar in den wenigen Momenten des glücklichen Beisammenseins. Meist jedoch wartet sie, die früher die "ungestörte Einsamkeit" genoss, elend auf ihren Gatten. Denn schon innerhalb weniger Wochen heiratet sie Gregor, dem sie vom ersten Augenblick an "verfallen" ist.

Wieso es gerade dieser Mann ist, in den sie sich verliebt und dem sie "so ganz" gehört, wird nicht gesagt. Überhaupt erfährt man wenig über ihn, und das wenige ist alles andere als liebenswert, macht ihn eher verachtens- und in manchen Zügen hassenswert. Das sehen auch die Freunde und Bekannten Annettes, die ihn ausnahmslos nicht mögen.

Annette selbst aber fragt nicht nach dem Warum ihrer Liebe. Sie liebt ihn und das ist genug. Er ist ihr der Einzige und doch einer wie alle, ein Mann eben, mit all den ihnen eigenen Fehlern. Und Gregors Fehler sind zweifellos zahlreich. So besitzt er einen bloßen "Gebrauchsverstand" und Gespräche mit ihm sind von "lächerlicher Banalität", seine Wohnung ist "merkwürdig unpersönlich", "Ethik und Moral sind ihm unbekannte Begriffe". Auch dauert es kaum einen Monat, bis er sie betrügt. All das sieht und erkennt Annette von Beginn an. Ihrem Mann gegenüber jedoch verbirgt sie ihr Wissen, da es ihn verletzen könnte, sich durchschaut zu sehen. Sie hat, wie sie sich selbst eingesteht, ihr "ganzes Leben auf einer Lüge" aufgebaut, um "seine Lebensäußerungen ertragen zu können". Und sie will sie ertragen, weil sie ihn liebt. Für seine Gefühlskälte und alles, was er ihr antut, hat sie eine Entschuldigung, eine und nur eine einzige, die sie nicht müde wird, sich zu wiederholen: er ist ein Mann, und Männer sind eben so. Damit ist er in jeder Hinsicht exkulpiert.

Die Geschlechterrollenverteilung der liebenden und aufopferungsvollen Frau und des gefühlskalten, egozentrischen Mannes ist also kein Zufall, sondern - sozusagen von der Natur - vorgegeben. So zumindest könnte es scheinen, wäre da nicht das mit Annette befreundete Ehepaar Goldener. Hier ist es der Gatte, der seine so unsympathische wie unwürdige Frau, "ein böses und gieriges Gespenst", ungeachtet ihrer Betrügereien liebt, ein makelloser Mensch, dessen "einziges Laster die Liebe zu seiner Frau ist", wie Annette sagt. Verständnislos fragt sie sich, wieso Herr Goldener seine Frau lieben kann. Eben die Frage, die ihr bei ihrer Liebe zu Gregor nicht in den Sinn kommt. Auch erkennt sie nicht, dass sich in der Ehe der Goldeners - wenn auch nur in mattem Abglanz - Annettes Liebe zu Gregor mit umgekehrten Geschlechterrollen spiegelt. Eine Erkenntnis, die nicht zulassen würde, Gregor weiterhin zu exkulpieren, und die ihr die Augen dafür öffnen müsste, dass all seine Untugenden ihm als Person anzulasten sind und nicht seiner Natur als Mann. Das nicht sehen zu können, ist der durch Liebe verursachte blinde Fleck in Annettes Klugheit.

Mit der "Tapetentür" hat der Zsolnay-Verlag ein Buch neu aufgelegt, dem die meist männlichen Kritiker der 50er und 60er Jahre nicht gerecht wurden, wenn sie in Annette nichts anderes sehen konnten als eine überempfindliche Frau und in Gregor einen nur schwach konturierten Mann, und das trotz der späten Würdigung, die es im Zuge der feministischen Rezeption erfahren hat, vielleicht immer noch unterschätzt wird.

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Marlen Haushofer: Die Tapetentür.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2000.
197 Seiten, 17,40 EUR.
ISBN-10: 3552049584

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