Brennendes Geheimnis in den Fluten des Urftlands

Norbert Scheuer folgt in „Mutabor“ der Spur kollektiven Schweigens

Von Monika WoltingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Monika Wolting

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Da sind drei beruhigend klingende silberne Armreifen, ein Foto eines Reiters mit ausgekratztem Gesicht, ein Muttermal zwischen den Brüsten, „das einer fliegenden Biene gleicht“ und von Generation zu Generation übertragen wird. Auch eine etwas zu fürsorgliche Tante Sophia und eine Gruppe der Kaller „Grauköpfe“ scheinen gleichfalls streng ein Geheimnis zu hüten. Nina, ein Mädchen, vom Jugendamt als schwer erziehbar eingestuft, blickt mit zeitlichem wie räumlichem Abstand auf ihre Kindheit und auf die Bewohner der Ortschaft Kall (Eifel). Sie wird 18 und braucht keinen Vormund des Jugendamtes mehr. Endlich ist sie in der Lage, ihre lang ersehnte, bereits oft mit dem Großvater geplante „Reise nach Byzanz“ anzutreten, die sie weit von Kall und näher zu sich selbst bringen wird. Denn Nina ist eine Verlorene, Vergessene, Ausgestoßene. Sie trägt seelische und körperliche Wunden, von der Großmutter, der „Graie“, geschlagen, von einer Horde von Jungen vergewaltigt, von der Sozialbetreuerin sexuell missbraucht. Sie weiß nichts von ihrer Vergangenheit. Sie schreibt: „Im Moment komme ich mir wie verzaubert vor, weiß weder, wer noch wo ich bin; daher ist es ganz natürlich, endlich wissen zu wollen, wer meine Eltern sind und woher ich komme.“ Sie sucht nach dem Zauberwort, nach dem schon die in Störche verwandelten Kalifen lebenslang gesucht haben: „Mutabor“,  „ich werde verwandelt werden“. 

Um den Missbrauch, der ständig in unserer Gesellschaft getrieben und vertuscht wird, zu schildern, bedient sich Scheuer einer mythologischen Metapher. Die vergewaltigten Nymphen wurden zu Bäumen, Sträuchern oder Steinen und so wurden sie zum Schweigen gebracht. Die Kunst schöpft reichlich aus diesen Bildern. Der Missbrauch wird in Schönheit umgewandelt. Die Kunstgeschichte besteht größtenteils in der Verklärung des Missbrauchs in schöne Kunst, wie die Verwandlung der vor Apollon fliehenden Daphne in einen Lorbeerbaum gut demonstriert. Hinter der Darstellung ahnt man das Schreckliche nicht. Nina ist eine der Nymphen, ein unschuldiges Wesen in einer brutalen Welt. Die Grauköpfe, die sie stets um Hilfe bittet, gehören zu diesen Verklärern. Darüber berichtet Evros in seinen Bierdeckeltexten. In ihnen werden dem Leser, der Leserin stets Hinweise auf das tatsächliche Geschehen verrätselt geben. Nina, in den Bierdeckeltexten als Zoe getarnt, will sich aber aus eigener Kraft aus der Verwandlung, Erstarrung und Stigmatisierung befreien.

Ihren Vater hat Nina nie kennengelernt, ihre Mutter ist, nachdem „sie sich hübsch gemacht hat“, für immer verschwunden. „Von meiner frühen Kindheit habe ich keine klaren Bilder“, schreibt sie. Was Nina von ihrer Mutter bleibt, ist die Erinnerung an drei silberne, wohlklingende Armreifen, die ihr nach häufigen Epilepsieanfällen Beruhigung brachten, und: „wenn Mutter mit einem Mann nach Hause kommt, muss ich schlafen gehen.“ Ninas Erinnerungen scheinen unsicher, verschwommen, surreal, traumhaft, oft versetzt mit krankheitsbedingten Krämpfen. „Obwohl ich an ihrem Handgelenk keinen einzigen Armreif sah, hörte ich ihr leises Klingeln; es kam woanders her, und ich wunderte mich, dass die Reifen nun an meinem Arm klingelten.“ An diesen Armreifen und einem zerkratzten Foto an der Wand in Evros Kneipe haftet Ninas Vorstellung von den Eltern. Sie will endlich die Wahrheit wissen, denn sie spürt, dass sie ihr vorenthalten wird. Sie weiß, „die Grauköpfe kennen immer jemanden, der jemanden kennt, sie wissen über jedes Haus, jede Familie in Kall und im Urftland Bescheid.“ In der Hoffnung, etwas von den Grauköpfen oder anderen Bewohnern zu erfahren, vervielfältigt sie einen Zettel, den sie in eine Zeitung legt, die sie jeden Morgen in Kall austrägt. Darin steht: 

Was ist mit meiner Mutter, Ruth Plisson, geschehen? Wer kennt den Reiter auf dem Foto hinter der Theke bei Evros? Wer hat sein Gesicht ausgekratzt? Welche Namen standen auf der Rückseite des Fotos? Wer bin ich eigentlich? Die Antworten sind für mich lebensnotwendig!

Die Wahrheit muss sie selbst herausfinden. In Kall redet keiner „über die Sache“, es war als hätte sie sich nie ereignet, so wie vieles andere. 

Träumen, Zeichnen, Schreiben sind Ninas Wege, die Vergangenheit aufzuspüren. In Träumen erscheinen ihr oft Bilder von ihrer Mutter, Orte, an denen sie sich befindet, aber für Nina nicht erreichbar sind. In den Träumen „verwandeln“ sich Ninas Ängste, Vermutungen, dumpfe Erinnerungen in Wirklichkeit. Bevor sie bei Sophia das Schreiben lernt, versucht sie mit dem Füller ihres geliebten Opas, Bilder nachzuzeichnen. Daraus werden nur lauter Kleckse, die sie durch Ziehen von Linien in geheimnisvolle und märchenhafte Welten „verwandelt“, auf denen menschliche Gesichter, Pferde, Fische, Störche, Pflanzen, lange Schnäbel sowie die Paläste des Kalifen zu sehen sind. Sophia ermuntert sie, die Bildsprache in Schriftsprache zu „verwandeln“. Im Prozess des Schreibens kommt sich Nina tatsächlich näher, je weiter sie Kall hinter sich lässt und je tiefer sie in ihre Geschichte eindringt, desto klarer werden Situationen, Worte und Ereignisse. „Ich sitze also über meinen wiedergefundenen Heften wie eine Forscherin, die lange verschollene Schriften zu entziffern versucht. […] Mit jedem Wort fiel mir eine Last von meiner Seele“, schreibt sie. Sie tritt die Reise an, nachdem sie die wichtigste Erinnerung an die Mutter endlich mit sich führt. Durch den Klang der aus dem Schlamm des Stausees geretteten Armreifen schließt sich für sie der Kreis zwischen ihrer Kindheit und dem Erwachsensein. Sie fühlt sich nicht mehr allein.

Norbert Scheuers Roman führt den Leser, die Leserin erneut nach Kall, ins Urftland, gegenwärtig noch stark durch die Flutkatastrophe 2021 gezeichnet. Der Stausee, dessen Dammbruch für Kall verheerend war, die Fluten der Urft, die Landschaft der Eifel spielen im Roman eine ebenso tragende Rolle wie die Menschen, „die Arimonds, Vincentinis, Lünebachs, Müllers, Bradens, Strohwangs, Casparys und wie sie alle heißen“, die hier „seit Jahrhunderten leben.“ Sowohl die Landschaft als auch die Menschen nehmen auch in anderen Romanen Scheuers Gestalt an, u.a. in dem preisgekrönten Roman Die Sprache der Vögel (2015) oder in Am Grund des Universums (2017) und Winterbienen (2019). Die Figuren kehren wieder, leben und wirken weiter. Die Zeichnungen, ähnlich den früheren Romanen, stammen von Erasmus Scheuer und liefern ein eigenes zum Text komplementäres Narrativ.

Mutabor ist ein poetischer Roman über die Last des Geheimnisses und die Erlösung durch das Schreiben. Scheuer gelingt es, Schmerz, Kummer und Unglück in eindrucksvolle sprachliche Bilder zu „verwandeln“.

Titelbild

Norbert Scheuer: Mutabor. Roman.
Verlag C. H. Beck, München 2022.
192 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783406781520

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