Könnte auch anders sein

Sophie von La Roche und die „Erscheinungen am See Oneida“

Von Klaus HübnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Hübner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Oneida? Ein See? Nie gehört? Macht nichts – nur weg von hier! In einer Zeit, in der eine nicht enden wollende Pandemie und ein grausamer Krieg in nächster Nähe uns allen den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheinen, ist es nicht nur erlaubt, sondern für die wenigstens relative Balance unseres seelischen Haushalts geradezu geboten, sich immer mal wieder von der bedrückenden Gegenwart abzuwenden und in andere Welten und Zeiten zu flüchten. Das kann auf vielerlei Arten geschehen – auch dadurch, dass man sich lesend in alternative Gefilde des Menschlichen begibt. Das Eintauchen in einen Literatur-See lenkt ab, wenigstens für ein paar Stunden. Und das ist auch gut so.

1798 kam in Leipzig der dreiteilige Roman Erscheinungen am See Oneida heraus. Seine Autorin, Sophie von La Roche, war damals 68 Jahre alt, im besten Rentenalter sozusagen. In Kaufbeuren geboren, in Oberschwaben und in Augsburg aufgewachsen, war die lebenslange Freundin Christoph Martin Wielands seit 1771 weithin bekannt – ihr empfindsamer Roman Geschichte des Fräuleins von Sternheim war ein Bestseller ihrer Zeit und blieb einer der wichtigsten Texte der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts. Ohne die Sternheim kein Werther, jedenfalls nicht so. 

Die bis zu ihrem Tod anno 1807 tief im christlichen Glauben verwurzelte Schriftstellerin, deren bewegtes Leben Armin Strohmeyr in seiner 2006 erschienenen Biografie geschildert hat, hatte das neue Menschenbild und die damit einhergehenden Erziehungsideale der Aufklärungszeit von Anfang an bejaht und bald verinnerlicht. Vor allem Rousseaus Schriften hatten es ihr angetan, und noch in Erscheinungen am See Oneida spielen sie eine wichtige Rolle, ebenso wie Werke von Hesiod und Vergil, Buffon und Linné oder Montaigne und Montesquieu, wie Schillers Schriften zur Ästhetik, Herders Briefe zur Beförderung der Humanität und manches mehr. Was die ältere Dame trotz hoher Bildung und reicher Lebenserfahrung nicht mehr so recht verstand, waren Verlauf und Folgen der Französische Revolution. Sie blieb eine vehemente Befürworterin der Fürstenherrschaft, des selbstverständlich „aufgeklärten“ Absolutismus ihres Jahrhunderts. Die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen seit 1789 erschienen ihr als Gott keineswegs gefällige, ihr eigenes vertrautes Leben elementar bedrohende Unordnung. 

All das und noch viel mehr wird literarisch verhandelt in Sophie von La Roches manchmal dem Genre der „Robinsonade“ zugeschlagenem Roman, den der für seine Entdeckerfreude in der europäischen Literatur vor 1830 nicht genug zu rühmende Wehrhahn Verlag in einer wunderschön aufgemachten Leseausgabe gerade neu herausgebracht hat. An den Texterläuterungen und dem luziden Nachwort ist wenig auszusetzen, und sogar elf Abbildungen der dem Erstdruck beigefügten Kupferstiche finden sich im Buch. Gediegener geht’s kaum.

An den Sprachduktus der Empfindsamkeit des späten 18. Jahrhunderts gewöhnt man sich rasch. Aber der Inhalt, die Thematik, die Figurenkonstellationen? „Nordamerika war mir nahe; eine Art Sympathie zog mich an, die Wesen dieses Welttheils kennen zu lernen“, sagt eine der Erzählstimmen ganz am Anfang. So segelt man von Bremen durch die Nordsee und den Atlantik mit seinen „Meerschlangen von 25 Schuh“ erst einmal nach Baltimore, wo „viele Teutsche“ das Schiff begrüßen. Bald geht es weiter nach Philadelphia und schließlich an den See Oneida, unweit von Syracuse im Bundesstaat New York. Dort versuchen einige vor der „unseligen Revolution“ geflohene Kolonisten aus Frankreich, Flandern und Deutschland, insbesondere das junge, aristokratische Ehepaar Wattines, eine möglichst vorbildhafte Utopie der Tüchtigkeit, Tugend und Gottesfürchtigkeit zu verwirklichen und sich damit eine neue Heimat zu schaffen. Idealerweise im Einklang mit der immer wieder bestaunten wilden Natur und im prekären Einvernehmen mit den am anderen Ufer des Sees lebenden Indigenen, die hier nicht „Indianer“, sondern „Indier“ genannt werden.

Jeder Neuankömmling bedeutet den zutiefst menschenfreundlichen, ungemein praktisch veranlagten und handwerklich geschickten Kolonisten „sehr viel“, jedenfalls mehr als den Bewohnern einer Großstadt der Alten Welt, „wo man ganz den Wiederschein europäischer Pracht und Wohlleben findet“. Am See Oneida wird die Grundüberzeugung zu leben gesucht, dass die Menschen „die Erde durch ihre Gegenwart verschönern, und durch ihre Arbeit bereichern sollen“. Immer mehr wird Europa zur bloßen Erinnerung – hoch geschätzt für seinen in den geliebten Erzeugnissen der „Buchdruckerkunst“ kondensierten humanen Geist, nicht aber für seine oft egoistischen, rücksichtslosen, eitlen und hartherzigen Menschen. „Oh meine Freunde!“, heißt es einmal,

auf wie vielen Seiten lerne ich hier größern Reichthum, größere Mannichfaltigkeit der Natur, und in beyden Wattines, mehr unschätzbare Eigenschaften der moralischen Menschenwelt kennen, als ich in Büchern und der wirklichen cultivierten Welt nicht traf. 

Der immer wieder überraschende Verlauf der Handlung ist vielleicht weniger wichtig als die Tatsache, dass sich der gesamte Roman als ein erstaunlich umfassendes Kompendium zeitgenössischen Wissens präsentiert. Es sind die oft direkt an heutige Debatten anschließbaren, eigentlich immer anregenden Reflexionen über Kolonialismus, Ureinwohner, Sklavenhaltung, Genderrollen und Ökologie, die Gedanken über ein den Menschen zugewandtes, an der alltäglichen Lebenspraxis orientiertes, auch die Würde des Sterbens einschließendes Christentum sowie die ausführlichen Exkurse in die Naturgeschichte und die zeitgenössischen Naturwissenschaften, die Erscheinungen am See Oneida lesenswert machen.

Ja, es gibt neben dem Respekt für die Lebensweise der Indigenen auch Distanz zur scheinbaren Rückständigkeit ihrer Kultur, es gibt heute nur schwer erträgliche Betrachtungen zur Sklaverei, und es gibt gelegentlich nervige Verniedlichungen und Personifikationen der Natur. Geweint wird auch nicht zu knapp. Von der Lektüre abschrecken sollte das aber niemanden. An diesem quasi unbekannten Werk einer bemerkenswerten Frau des 18. Jahrhunderts, das man mit einigem Recht als eine Art interkulturellen Öko-Roman betrachten darf, wird man auch 224 Jahre nach seinem Erscheinen Freude haben. Unterhaltsam ist er allemal, und nebenbei deutet er an, dass das Zusammenleben der Menschen auch ganz anders aussehen könnte als hier und heute. Um der Autorin das letzte Wort zu lassen: „O, wie viel lernte auch ich an den Ufern des Oneidas“.

Titelbild

Sophie von La Roche: Erscheinungen am See Oneida.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2021.
528 Seiten, 29,50 EUR.
ISBN-13: 9783865259271

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