Nächstenliebe für Nazis?

Thomas Wagners Darstellung der seltsamen Freundschaft zwischen Erich Fried und dem Neonazi Michael Kühnen ruft nach einer Relektüre des einzigen Romans des linken Dichters – „Ein Soldat und ein Mädchen“

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Jahr 1983 sollte der jüdische Schriftsteller Erich Fried im Fernsehen mit einem Rechten reden. Der Neonazi Michael Kühnen war zu einer Sendung der damals besonders populären Bremer Talkshow III nach 9 eingeladen worden, an der auch Fried teilnahm. Im letzten Moment besannen sich die Produzenten jedoch eines Besseren und luden Kühnen wieder aus. In der laufenden TV-Diskussion gab Fried zu Protokoll: „Ob man den einladen soll oder nicht, darüber kann man streiten. Wenn man ihn eingeladen hat, ihn auszuladen, ist ganz bestimmt falsch und kleinkariert.“

Was danach passierte, ist Geschichte. Der begeisterte Kühnen rief unmittelbar nach der Sendung im Bremer Funkhaus an und telefonierte noch während des Umtrunks der TV-Gäste in der Kantine mit Fried. Es war der Beginn einer bizarren Freundschaft und die Initiation eines jahrelangen Briefwechsels, der heute in Frieds Nachlass im Wiener Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrt wird.

Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte sich ein Holocaust-Überlebender und radikaler linker Dichter wie Erich Fried, eine Ikone der Revolution von 1968, mit einem unbelehrbaren Nazi auseinandersetzen, dem an AIDS erkrankten Kühnen bis zu seinem eigenen Krebstod im Jahr 1988 liebevoll klingende Briefe schreiben und ihm sogar eines seiner Gedichte widmen? 

Der Kultursoziologe Thomas Wagner hat den Fall in seinem Buch Der Dichter und der Neonazi neu aufgerollt. Ergebnis: Es war eine „Form von ‚Adoption‘“, eine „Vater-Sohn-Projektion“. Ähnlich wie Fried Solidarität mit den Gefangenen der linken Terrororganisation Rote Armee Fraktion (RAF) übte, hielt er auch eine vierjährige Gefängnisstrafe für Michael Kühnen wegen „Volksverhetzung, der Aufstachelung zum Rassenhass und Gewaltverherrlichung“ für überzogen, besuchte den Inhaftierten im Gefängnis und bot an, Amnesty International einzuschalten. Fried wollte sogar zu Gunsten des Angeklagten vor Gericht aussagen. Dieses überraschende Engagement für einen ehrgeizigen Neonazi irritierte nicht nur Linke. In einem Artikel über die gerichtliche Zurückweisung des Ersuchens Frieds, für Kühnen als Verteidiger in den Zeugenstand zu treten, bezeichnete eine sichtlich verwirrte Frankfurter Allgemeine Zeitung den jüdischen Dichter 1984 kurzerhand als „Neu-Nazi“.

Wagner argumentiert, der bei seiner Verhaftung 22-jährige Kühnen habe Fried an seine österreichischen Nazi-Mitschüler vor dem „Anschluss“ 1938 erinnert, mit denen er zumindest noch habe reden können, bevor sein Vater von der Gestapo zu Tode gefoltert wurde und er mit 17 Jahren nach London floh, wo er bis zuletzt lebte. „Ich muss nicht jeden hassen, der als junger Mensch auf die Nazis hereingefallen ist“, zitiert Wagner Fried. Der Dichter, dessen Großmutter 1943 in Auschwitz ermordet wurde, habe sich einen Glauben an den Menschen bewahrt, urteilt Wagner. Fried sei zeitlebens davon überzeugt gewesen, dass man Verbrecher nur mit Liebe von der ‚anderen Seite‘ her auf den rechten Weg zurückbringen könne: „Als Person, vor allem aber auch als Schriftsteller, ging es ihm darum, die gesellschaftlichen sowie psychischen Gründe für das Übel-tun-Müssen zu erforschen und auf diese Weise andere Handlungsoptionen offenzulegen und sichtbar zu machen, um der Möglichkeit eines besseren Lebens auf die Spur zu kommen.“ Zitat Fried: „Zwischen der Vernichtung der feindlichen Idee und der Vernichtung der feindlichen Menschen wollte ich immer einen großen Unterschied machen.“

Wer wollte solchen noblen, humanen Grundsätzen widersprechen? Mit Michael Kühnen ging Frieds Experiment allerdings schief. Wagner konstatiert, dass Kühnen bis zuletzt klar davon überzeugt blieb, dass „die Massenvernichtung der Juden eine Propagandalüge der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs und der ihm verhassten Zionisten“ gewesen sei. 

Wagners knappes und flüssig formuliertes Buch verweist darauf, dass Frieds Nächstenliebe selbst für jemanden wie Kühnen letztlich auf früheste Überzeugungen zurückging, wie er sie u.a. bereits in seinem Roman Ein Soldat und ein Mädchen (1960) literarisiert hatte. Laut Wagner ging es in diesem Werk um Fragen wie die folgenden:

Was bringt einen jungen Menschen dazu, Gewalt auszuüben? Darf so jemand vollständig auf die von ihm begangenen Verbrechen reduziert werden? Muss nicht – gerade im Hinblick auf sehr junge Täter – mit einer besonderen Verführbarkeit und zugleich mit einer noch besonders ausgeprägten Lernfähigkeit auch und vielleicht gerade von ideologisch verirrten Überzeugungstätern gerechnet werden? Sind also hohe Strafen – gegen die Todesstrafe war Fried ohnehin stets eingetreten – das geeignete Mittel in der Auseinandersetzung mit den Anhängern einer Ideologie, mag sie auch so mörderische Züge tragen wie der Nationalsozialismus?

An Ein Soldat und ein Mädchen, einem angesichts der Schwere des verhandelten ethischen Problems frappierend kurzen, extrem verdichteten, modernen und selbstreflexiven Text, hatte Fried ab 1946 gearbeitet, also bis zur Fertigstellung insgesamt 14 Jahre. In seinem Nachwort schrieb der Autor im Erscheinungsjahr, diese Arbeit bedeute ihm „mehr als irgendeine“. „Dennoch kostete es mich fast immer große Überwindung, daran zu arbeiten. Die hier gestellten Fragen schienen und scheinen mir immer noch sehr wichtig, und mein eigener Widerstand, mich diesen Fragen zu stellen und etwas Verbindliches dazu zu sagen, war dementsprechend groß“. Offensichtlich ging es in diesem Buch also um ein Thema, das Fried sehr bedeutend erschien und das ihn zu mehrfachen akribischen Überarbeitungen eines Stoffes nötigte, mit dem er letztlich auch danach nie wirklich fertig werden sollte.

Fried lässt in dem Roman einen fiktiven jüdischen Überlebenden der Shoah auftreten, der fast seine ganze Familie im Holocaust verlor und mit der US-Armee im besiegten NS-Deutschland Dienst tut. Als Wächter und Prozessbeobachter in einem Gefängnis für Nazitäter in Hameln wird er Zeuge der Verurteilung einer monströsen KZ-Wärterin namens Helga, die der „Hyäne von Auschwitz“ nachempfunden ist, der bei der Befreiung von Bergen-Belsen festgenommenen, besonders sadistischen Irma Grese. Am Tag vor ihrer Hinrichtung gefragt, ob sie einen letzten Wunsch habe, deutet die 22-jährige, attraktive, vollkommen reuelose und uneinsichtige KZ-Mörderin auf Frieds Protagonisten und ruft aus, in ihrer letzten Nacht mit ihm schlafen zu wollen: „Mit diesem Ami da: mit dir!“.

Der „Soldat“ befindet sich danach in einem akuten Schockzustand, entwickelt jedoch entgegen seiner anfänglichen Absicht am folgenden Nachmittag eine hektische Betriebsamkeit, besticht die Wachhabenden, verschafft sich Zutritt zur Zelle und erlebt eine rauschhafte Liebensnacht mit der hübschen Täterin, bevor sie am nächsten Morgen umstandslos gehenkt wird. Der Soldat erlebt einen nervlichen Zusammenbruch, wird in eine militärische Psychiatrie eingeliefert und beginnt nach seiner Rekonvaleszenz bei seiner Rückkehr nach Amerika, das Erlebte literarisch zu verarbeiten, glaubt aber, dabei ästhetisch zu scheitern, und behält das Geschriebene für sich.

Frieds Roman bedient sich nun einer Herausgeber- oder Editionsfiktion, indem der Autor einen schriftstellernden Erzähler einschaltet, der den gescheiterten Soldaten-Autor zufällig in London trifft, sich mit ihm knapp zwei Wochen lang unterhält und schließlich mit ihm übereinkommt, seine sehr variablen literarischen Versuche, sowohl Lyrik als auch Prosa, zu kommentieren und zum Druck zu befördern. Ein Großteil des insgesamt nur etwas über 200-seitigen Romantextes besteht deshalb aus lose zusammengestellten Gedichten, assoziativem Schreiben, Kurzgeschichten und Erzählungen, die mit subjektiv gehaltenen und sich in vagen Vermutungen ergehenden editorischen Notizen des herausgebenden Erzählers versehen sind.

Mit diesem erzählerischen Trick konnte Fried eigene schriftstellerische Gehversuche, die in zwei Fällen vor Beendigung des Romans auch schon einmal als seine eigenen Kurzgeschichten veröffentlicht worden waren, gleichsam unter Vorbehalt in seinen Roman integrieren und von seinem fiktiven Erzähler, der wiederum genauso wie der Soldat auch autobiographische Anteile erkennen lässt, kritisch hinterfragen lassen.

Auch wenn Fried im Nachwort zur Erstauflage des Werks beteuert, es handele sich weder um einen Schlüsselroman noch um „eine getarnte Selbstbiographie“, fallen nach der Lektüre von Wagners Abriss der Vita des Dichters partielle Übereinstimmungen mit der Lebensgeschichte der beiden Männerfiguren im Text auf. Der Erzähler berichtet etwa, dass er seinen Vater nach dessen Gestapohaft vom 24. April bis zum 24. Mai 1938 nicht mehr wiedererkannt habe. Dies verweist genauso auf Hugo Frieds grausamen Tod nach seiner Folterung im selben Zeitraum wie eine der im Roman ‚herausgegebenen‘ Geschichte des Soldaten, Die Ausgrabung, in der es wie in einer verknappten Chronologie der Flucht von Erich Fried 1938 heißt: „Dann starb mein Vater. Sie hatten ihn halb zertreten. Dann wanderte ich aus. Dann kam der Krieg.“

Frieds damals wenig erfolgreicher, teils als „makabres Machwerk“ eines jüdischen Exilanten kritisierter Roman, der diesem kein Denkmal, sondern „einen Grabstein gesetzt“ habe, ist heute so gut wie vergessen. Ein irritierter Rezensent in Israel vermutete gar, hinter dem Autor verberge sich ein „schlecht getarnter Nazi“. Ein Soldat und ein Mädchen entpuppt sich jedoch als ein literaturgeschichtlich bemerkenswertes Dokument, dessen Wiederentdeckung sich anlässlich von Frieds 100. Geburtstag lohnt. Die zeittypischen Kafka-Anleihen in Kurzgeschichten wie Die Falle, die den Roman zugleich zu einem 50er-Jahre-Erzählband von Erich Fried machen, sind offensichtlich, werden aber in den fiktionalen editorischen Anhängen der Texte zugleich auch explizit offengelegt und diskutiert. Manche der Texte wirken in ihrer demonstrativen Gleichnishaftigkeit surreal, aber darin auch nicht unbedingt epigonal. In guten Momenten entwickeln diese Versuche immer noch eine schleichend entwickelte, beklemmende Wirkung, der man sich als Leser*in nur schwer entziehen kann. 

Zwei der Höhepunkte des Romans sind die Erzählungen Der Brand und Der Wagen fährt durch die Straße, die beide 1948 und 1956 auch schon als Texte Erich Frieds in Deutschland und in Österreich als eigenständige Publikationen erschienen waren. Beides klare Allegorien auf die schrittweise faschistische Vergiftung einer Gesellschaft, verdeutlichen sie vor allem auch deren letztendliche Selbstzerstörung und nicht nur die Verfolgung einer dämonisierten Minderheit, auch wenn man Der Brand zugleich als Flüchtlingsgeschichte lesen kann, wie der fiktive Herausgeber in Ein Soldat und ein Mädchen zutreffend notiert. In dieser Erzählung gibt es zunächst einen geheimnisvollen Hausbrand in einer Stadt, der sich tage- und wochenlang nicht mehr löschen lässt, aber nicht auf andere Häuser übergreift. Bald nach seinem letztendlichen Verschwinden entstehen jedoch plötzlich immer mehr solcher Feuer, bis schließlich die gesamte Stadt ein einziges Flammenmeer ist und die Überlebenden auch in anderen Dörfern und Städten nicht mehr sicher sind, weil es dort ebenfalls zu brennen anfängt und man in die Wälder fliehen muss.

Frieds fiktiver Herausgeber bemerkt dazu: „Interessant ist vielleicht, daß das erste Todesopfer ein Rothaariger ist. Der Rothaarige ist im Volksglauben seit jeher der vom Schicksal Gezeichnete.“ Es ließe sich ergänzen, dass es sich dabei vor allem auch um ein antisemitisches Stereotyp handelt, das noch an einer weiteren Stelle des Romans auftaucht. In der Erzählung Der Wagen fährt durch die Straße beginnt es in einer friedlichen Stadt plötzlich unheimlich an zu dröhnen. Ein teils an einen Panzer erinnernder, teils aus einer unförmigen gläsernen Masse bestehender Terror-Wagen taucht auf und fährt als plakatives Faschismus-Symbol durch den Ort. Sein rhythmischer Krach versetzt die Einwohner in zuckende, partiell an zwanghafte religöse Zeremonien erinnernde Bewegungen, und lässt fast alle Fenster der umstehenden Häuser zerbersten. Dort, wo dies nicht geschieht, betritt die roboterhafte Besatzung des Gefährts die Gebäude und wirft alle Bewohner aus den Fenstern, um sie danach mit ihrem gespenstischen Streitwagen zu überrollen und zu zermalmen. Der Lenker des Wagens hat einen roten Haarschopf. Die Bewohner der Straßen begehren kaum auf und scheinen das Morden bereitwillig über sich ergehen zu lassen. Nachdem der Spuk vorüber ist, werden in einer Art Ersatzhandlung alle vollkommen unschuldigen Rothaarigen in der Stadt verhaftet und auf einem zentralen Platz versammelt: „Dort wurde ihnen der Prozeß gemacht, und obwohl eine Anzahl der Bürger Gleiches mit Gleichem vergelten und sie mit den Spritzenwagen der Feuerwehr überfahren wollte, wurden sie schließlich nur gehängt. Nicht einmal einen geistlichen Beistand verweigerte man ihnen.“

Die Anspielung auf den Erich Frieds Roman-Erzähler und dem von ihm vorgestellten Protagonisten fragwürdig erscheinenden Zweck der Hinrichtung der Irma-Grese-Figur in Ein Soldat und ein Mädchen ist leicht zu erkennen. Zugleich aber verstört in dem Kapitel Der Wagen fährt durch die Straße, dass der maßgebliche Täter und die in der Folge unschuldig Hingerichteten durch ein Merkmal gekennzeichnet sind, welches in der Geschichte des literarischen Antisemitismus seit Jahrhunderten als impliziter Code für ein dämonisches jüdisches Böses verwendet worden ist. Fried vermischt solche Klischees gezielt mit allegorischen Fingerzeigen auf die nationalsozialistische Volksgemeinschaft, der er selbst als Jugendlicher nur knapp entrann: Täter werden in den Geschichten des Romans zu Opfern, Opfer zu Tätern.

Hier findet sich schon lange vor Frieds politischer Kehrtwende vom antikommunistischen BBC-Kommentator gegen die DDR-Diktatur zum Gegner des Vietnam-Kriegs und zum Dichter der 68er-Revolte eine Denkfigur, die den Autor ab Mitte der 70er-Jahre zusehends auf Abwege führte. Seine für westdeutsche Linke damals nicht eben untypische Empathie für die Palästinenser ging schließlich sogar soweit, dem Staat Israel seine Existenzberechtigung abzusprechen und das demokratische Land mit dem „Dritten Reich“ gleichzusetzen. In einem unmittelbar nach seinem Tod in der taz veröffentlichten Interview erklärte Fried, er glaube, dass „ein Staat Israel, der Bürger verschiedener Rechtsstufen postuliert, ebensowenig Daseinsberechtigung hat wie das Dritte Reich“. Auch in den bereits 1974 veröffentlichten Gedichten „Höre, Israel!“ und „Ein Jude an die zionistischen Kämpfer“ betrieb Fried plumpe Täter-Opfer-Umkehr und dämonisierte die Israelis kurzerhand als „neue Gestapo“, „neue Wehrmacht“, „neue SA und SS“ bzw. als „Hakenkreuzlehrlinge“.

Wie Thomas Wagner in seinem Buch richtig erkannt hat, ist Ein Soldat und ein Mädchen zugleich ein frühes Schlüsseldokument für Erich Frieds lebenslang propagierte Nächsten- und Feindesliebe, die ausdrücklich auch Nazitäter mit einschloss. Der radikale Pazifist Fried war selbstverständlich und bedingungslos gegen die Todesstrafe, egal für wen. Entsprechende Merksätze und Bekenntnisse ziehen sich wie ein roter Faden durch seinen Roman. So zitiert dort der fiktive Herausgeber in seiner editorischen Einordnung der Geschichte Der Wagen fährt durch die Straße eine Bemerkung des edierten Soldaten-Autors, der an der Hinrichtung seiner Amour fou, der Nazi-Massenmörderin Helga, zerbrach: „Nein, mein Lieber, für den einzelnen Menschen, der Nazi war, habe ich oft große Nachsicht, das gebe ich gern zu. Aber nicht, weil ich für die Nazis bin, sondern weil ich auch ihn noch in Wirklichkeit als ein Opfer der Nazis betrachte, nämlich als einen, der ihnen auf den Leim gegangen ist.“

1960 in einem vertrackten Romantext publiziert und perspektivisch mehrfach gebrochen, liest sich diese Bemerkung wie eine bündige Zusammenfassung von Erich Frieds erst Jahrzehnte später entwickeltem persönlichen Verhältnis zu Michael Kühnen, der zufällig exakt das gleiche Alter wie Irma Grese bei ihrer Hinrichtung hatte, als er – ebenso wie zeitweise der „Todesengel von Auschwitz“ Grese – 1982 in Celle seine Haft absaß. Wagner folgert, dass der zentrale Gedanke von Frieds Roman an „Erkenntnisse der Psychoanalyse und die Liebesbotschaft des Neuen Testaments“ anschloss. Demnach sei, so wiederum die Bemerkung in Frieds Nachwort zur ersten Ausgabe von Ein Soldat und ein Mädchen, ein aufrichtiges Bekenntnis von Täter*innen zu ihrer eigenen Schuld erst dann möglich, wenn „Menschen von der anderen Seite bereit sind zu verstehen und zu lieben“. Wagners Buch versucht zu ergründen, wie diese Utopie mit Frieds eigener früher Traumatisierung als Flüchtling dialektisch zusammenhing, wieviel Kraft es den Autor kostete, in seinem Verhältnis zu dem überzeugten Nazi Kühnen daran festzuhalten – und wie vergeblich seine Bemühungen letztlich bleiben mussten.

Im Nachwort zur Erstauflage von Ein Soldat und ein Mädchen gab Fried 1960 an, sein Roman sei gegen die Todesstrafe geschrieben, gegen „die unpsychologische Einordnung von Menschen in Scheinkategorien, gegen alle anerkannten Schranken zwischen verschiedenen Gruppen“. Fried plädierte für eine radikale „Menschlichkeit, die auch im letzten SS-Mann und stalinistischen NKWD-Offizier immer noch den Menschen sieht oder sucht, auch wenn dieser selbst sich bemüht hat, die Spuren seines Menschentums zu verwischen“.

Im Nachwort zur Neuauflage 1981 schließlich betonte Fried, nichts an dem Erstlingswerk widerrufen zu wollen. Das aktuelle Jubiläum des 100. Geburtstags mag Anlass geben, sich neu zu den politischen Analogien zu verhalten, mit denen der für bedingungslose Gerechtigkeit eintretende Autor angesichts der Relektüre seines eigenen Frühwerks damals aufwartete. Fried klagte eine Gesellschaft an, in der die „am vielhundertausendfachen Mord von Majdanek schuldig Befundenen mit einer einzigen Ausnahme nur zu mehrjähriger Gefängnisstrafe verurteilt wurden, jedoch ein Manfred Grashoff oder gar eine Irmgard Möller (RAF), die keinen Mord begangen hat“, zu lebenslanger Haft verurteilt worden sei. Fried verteidigte hier zudem den RAF-Anschlag auf US-Computer in Heidelberg, bei dem drei Amerikaner getötet wurden und der einen großangelegten B52-Bomberangriff in Vietnam verhindert habe, „wodurch nach amerikanischer Schätzung 15.000 bis 20.000 Vietnamesen – auch Frauen und Kinder – verschont blieben“. Er könne, argumentiert Fried, nicht seinen „Frieden machen mit dem Unterschied zwischen der Bestrafung für die Verhinderung dieser Bombenflüge und der für die Massenmorde von Majdanek“.

Was Fried in der damaligen Zeit der Gründung der Partei der Grünen und des Aufkommens der Friedensbewegung in der BRD Anfang der 80er Jahre noch nicht sehen konnte oder wollte, war der Antiamerikanismus und auch Antisemitismus in der RAF. Es handelte sich um eine Gruppe linker Terroristen, die in ihrer gewaltsamen Form der ‚Aufarbeitung‘ der NS-Vergangenheit erneut ein Feindbild aufbaute, das auch schon im „Dritten Reich“ kultiviert worden war. So berechtigt Frieds Kritik an der RAF-Hysterie des Polizeistaats im Deutschen Herbst im Verhältnis zur Blindheit und Nachsichtigkeit der westdeutschen Justiz bei der Verurteilung von Nazitäter*innen auch gewesen sein mag, so ungut wirkt in diesem Kontext sein indirekt damit einhergehender Vergleich des – ohne Zweifel furchtbaren – US-Bombenkriegs in Vietnam mit dem Holocaust im NS-Konzentrationslager Majdanek. Diese Verknüpfung sehr unterschiedlich motivierter und mit jeweils ganz anderen Mitteln in die Tat umgesetzter Massenmorde war schlicht ahistorisch und konnte Leuten, die Fried keinesfalls unterstützen wollte, im Sinne eines revisionistischen Whataboutism dazu dienen, die deutsche Schuld und die Shoah zu relativieren, um das Ur-Böse nunmehr bei den „Amis“ zu sehen und neu zu bekämpfen – einem ‚Feind‘, den im Übrigen auch schon Irma Grese abgrundtief gehasst hatte. 

Bereits ein Jahr nach Erich Frieds Nachwort zur Neuauflage seines Romans, 1982, trat der ehemalige Wehrmachtssoldat und moderne Künstler Joseph Beuys in der damals hippen TV-Sendung Bananas auf, um mit Star-Musiker*innen der Neuen Deutschen Welle den albernen Song Sonne statt Reagan zu intonieren, in dem er mit unverkennbar rheinischer Dialektfärbung mehr deklamierte als sang:

Da kommt Reagan und bringt Waffen und Tod

Und hört er Frieden
Sieht er rot.

Er sagt als Präsident von USA
Atomkrieg? – Ja
Bitte
Dort und da

Ob Polen
Mittler Osten
Nicaragua

Er will den Endsieg
Das ist doch klar

Das war eine typische Form deutscher Schuldabwehr im damals modischen Ska- oder Reggae-Sound, eine skurrile Relativierung der Shoah, also letztlich eine holpernde Umwegkommunikation von Post-Holocaust-Antisemitismus: Der wahre Adolf Hitler, der für seine neu-nationalsozialistischen „Endsiege“ gewissermaßen den ‚atomaren Holocaust‘ in Serie begehen wollte, war Ronald Reagan. Schon die NS-Propaganda hatte die alliierten Bombardements „Terrorangriffe“ genannt. 

Heute wissen wir, dass die Neue Rechte in Deutschland das Gedenken an das amerikanische Bombardement von Dresden alljährlich genau in diesem Sinne weiter missbraucht. Hier lagen nicht zuletzt auch die vagen politischen Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen Frieds mit Michael Kühnen, auf die Thomas Wagner in seinem Buch deutlich hinweist: Wie sein väterlicher Dichterfreund war auch der kurzzeitige Maoist der frühen 70er Jahre und spätere junge Neonazi Kühnen im insgeheimen Schulterschluss mit den politisch sehr heterogenen Grünen jener Jahre, wenn auch in seinem Fall aus strikt nationalistischen und rechtsextremen Gründen, gegen den Nato-Doppelbeschluss und amerikanische Atomwaffen in der BRD. Im Gegensatz zu Fried, dem derartige Gedankenspiele selbstverständlich fernstanden, scheint Kühnen in jenen Jahren ernsthaft darüber nachgedacht zu haben, wie seine Bewegung die pazifistischen deutschen Massendemonstrationen und Ostermärsche dieser Zeit für eigene politische Zwecke, im Sinne eines optionalen Querfront-Umsturzes des demokratischen Systems der Bonner Republik, nutzen könnte. 

Heute, in einer neuen Ära einer tatsächlichen, wenn auch wesentlich kleineren, dennoch aber aus der Mitte der Berliner Republik heraus entstandenen „Querdenker“-Querfront von schwäbischen Vollkost-Esoteriker*innen, weißen Dreadlock-Ökos, durchgeknallten Trump-Fans, QAnon-Antisemit*innen und Nazis, kann Frieds gescheiterter Bekehrungsversuch Michael Kühnens lehrreich sein und zur Wachsamkeit aufrufen. Zumal, wenn man bedenkt, dass sich erst kürzlich Dutzende bekannter deutscher Schauspieler*innen unter dem ironischen Stichwort #allesdichtmachen an einem mehr oder weniger subtilen Informationskrieg zugunsten der Corona-Leugner*innen beteiligten, teils ohne zu verstehen, was genau sie damit taten.

Zur Aufhellung der komplizierten frühen Nachkriegsliteraturgeschichte, die diesem vollkommen pervertierten Status Quo vorausging, ist Ein Soldat und ein Mädchen ein dringend wieder zu entdeckender Text, der belegt, dass Erich Fried ursprünglich nichts ferner stand, als nationalsozialistische Massenmorde zu relativieren. Sein erster und einziger Roman bleibt auf seine Weise ein faszinierendes Beispiel für das vielschichtige und diverse Schreiben jüdischer Überlebender in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Es ist ein Text, in dem in ästhetisch äußerst polyphoner Weise über das Funktionieren des Faschismus und die schwierige Frage einer angemessenen Bestraf- und Sühnbarkeit nationalsozialistischer Verbrechen nachgedacht wird. Aus literaturgeschichtlicher Sicht wäre zu überlegen, ob und inwiefern der Misserfolg und das Vergessen dieses erstaunlichen Romans, ähnlich wie etwa im Fall von Edgar Hilsenraths Debüt Nacht, das in den 50er-Jahren gleich nach der Publikation vom Verlag schon wieder vom Buchmarkt genommen wurde und in dem es ähnlich provokante Verkehrungen von Täter- und Opferbildern gibt, mit der grassierenden, philosemitisch getarnten Ignoranz der Deutschen jener Nachkriegsjahre zusammenhängen konnte.

Titelbild

Thomas Wagner: Der Dichter und der Neonazi. Erich Fried und Michael Kühnen – eine deutsche Freundschaft.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2021.
172 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783608983579

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