Betrachten, erinnern, sich selbst vergewissern

Jens Wonneberger beglückt mit Autopsien biographischer und autobiographischer Art

Von Günter HelmesRSS-Newsfeed neuer Artikel von Günter Helmes

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Oft, wenn ich am Schreibtisch sitze, umgibt mich das möbelhafte Schweigen der Wohnung, 
und ich versuche, dem Schweigen zu lauschen, das Wissen der stummen Dinge zu erkunden.“
(Wonneberger, „Der Schreibtisch“)

„alle haben viel zu wenig erzählt, und ich habe viel zu wenig gefragt“
(Wonneberger, „Die Spieluhr“)

 

Inventur: Belesene oder solche, die sich noch so oder so an den Deutschunterricht anno dazumal erinnern, werden bei diesem Wort nicht nur an unternehmerische Bestandsaufnahmen denken. Ihnen wird auch Günter Eichs gleichnamiges, auf Erfahrungen in einem Gefangenenlager beruhendes Gedicht aus dem Jahr 1947 in den Sinn kommen. Jener Habseligkeiten verzeichnende Klassiker der Kahlschlag- bzw. Trümmerliteratur, mit dem man u.a. die Überhöhung von Alltagsgegenständen zu existentieller Bedeutung, einen ausgeprägten Zeigegestus sowie einen unmittelbaren Gegenwartsbezug verbindet.

Dem Dresdener Autor Jens Wonneberger, der an dieser Stelle über die letzten gut 20 Jahre häufiger besprochen wurde, zuletzt 2021 mit seinem Roman Flug der Flamingos, ist Eichs Gedicht zweifelsfrei bekannt. Zweifelsfrei nicht zuletzt auch deshalb, weil er 26 als biographische und autobiographische Autopsien zu charakterisierende, unauffällig nach Themen gruppierte Erzählungen unter dem Titel Inventur zusammengeführt hat, obwohl bzw. gerade weil sie in einer Hinsicht das Gegenteil zu Eichs Gedicht darstellen, in einer anderen aber dessen zweieiiger Zwilling sind. Von daher kann die Titelgebung bzw. die Übereinstimmung der Titel kaum ein Zufall sein.

„Das Gegenteil“: Das betrifft das enggeführt Literarische, neben den unterschiedlichen Gattungen also vor allem die Sprache und den Stil. Ist Eichs Gedicht diesbezüglich durch Parataxe, Lakonie, Nominalstil, das Fehlen von Bildern sowie die spärliche Verwendung von Attributen und Adverbialen bestimmt, haben wir es bei Wonneberger mit einem ebenso unaufdringlichen wie gediegenen, insbesondere an den großen Realisten der Vergangenheit und Gegenwart geschulten Erzählen zu tun. Das wartet mit wohlproportionierten, geschmeidigen Satzgefügen, einem bemerkenswerten Wortschatz, präzise veranschaulichenden Beifügungen, eingängigen Bildern, Detailreichtum, dem Wissen um die Vielschichtigkeit der Welt und mit einem sicheren Gespür für erzählerische Ökonomie auf. Allein um dieses eher traditionellen, doch kunstvoll-eigenständigen Erzählens willen – unabhängig also von Sujets – lohnt es sich, Wonnebergers jüngstes Buch in die Hand zu nehmen.

„Dessen zweieiiger Zwilling“: Auch in Wonnebergers Inventur kommt Alltagsgegenständen unterschiedlichster Art – beispielsweise einer Spieluhr, einer Deckenlampe, einem Rauchverzehrer, einem Rockabrunder, einem Tischbillard, einem Leimtopf, Mangeltüchern und einer Patronenhülse – eine existentielle Bedeutung und ein Gegenwartsbezug zu. Freilich nicht wie bei Eich in einem an der Möglichkeit des basalen physischen Lebensvollzugs orientierten, tendenziell materiellen Sinn – eine Ausnahme stellt hier lediglich das dem lyrischen Ich höchste Gut, der in psychischer Hinsicht unentbehrliche Bleistift dar –, sondern in jenem ideellen Sinn, dem es im Jetzt und mit Blick auf diese Gegenwart, aber auch auf die Zukunft um Identität, Stabilität, Zusammenhang und Verständnis geht. Um das eigene Ich und dessen Facetten, dessen in vorhergehende Generationen hinabreichende Wurzeln sowie um dessen Entfaltung bis zum frühen Erwachsen- und dann Elternsein. An besagten Gegenständen nämlich – sie umspannen gut und gerne ein Jahrhundert und müssen zum Sprechen gebracht werden, weil die „Vorfahren kaum etwas Handschriftliches hinterlassen“ haben – haften nicht nur Erinnerungen an die kleine und die große, die familiär-private und die politisch-gesellschaftliche Welt und deren Verquickungen, das heißt an Menschen, Ereignisse, Geschehen, Veränderungen, Lebensabschnitte, Umgebungen, Mentalitäten, Wertewelten, Autoren, Bücher, Filme und dergleichen mehr. Sie lösen auch Beobachtungsimpulse sowie Assoziationen und auf Verstehen, Bedeutung und Sinn zielende Reflexionen aus.

Eine weitere Gemeinsamkeit besteht darin – von Eichs Bleistift war bereits die Rede –, dass auch bei Wonneberger der Literatur, dem Schreiben und dem Schreibenmüssen ein besonderer Stellenwert zukommt. Die Überschriften „Der Schreibtisch“ – hier werden mit Peter Kurzeck, Samuel Beckett und Franz Fühmann Schriftsteller erwähnt, mit denen sich Wonneberger offensichtlich verbunden fühlt – und „Ein Bücherschrank“ der ersten Erzählungen weisen bereits darauf hin. Die letzten beiden Erzählungen „Ein Engelskopf“ und „Eine Patronenhülse“ dann kommen noch einmal auf das Schreiben und den Schreibtisch zurück und schließen somit den Kreis.

Fünf Beispiele: In „Ein Fotoalbum“ geht es um „Urgroßmutters Fotoalbum“ aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Das ist gerade einmal 14 Seiten stark und enthält zeitgemäß „wohlinszenierte Aufnahmen aus Fotografischen Ateliers“. Die meisten Abgebildeten sind Wonneberger unbekannt. Beobachtung auf Beobachtung wird zusammengetragen, sozial-, kunst- und mediengeschichtlich kontextualisiert und einlässlich kommentiert. Dabei bezieht Wonneberger durchaus Stellung, im nachfolgenden Fall mit unverhohlenem Sarkasmus. Da heißt es über eine Aufnahme, die u.a. auch einen „Verwegene[n]“ mit einem Tropenhelm und einer Uniformjacke zeigt: „Bis zum nächsten Krieg ist es noch ein paar Jahre hin, nicht alle, ist zu vermuten, werden es überlebt haben, das fröhliche Schützenfest auf blumigen, blutbetauten Wiesen, von dem Ernst Jünger schwärmte.“

Die Erzählung „Neun Feldpostkarten“, an die sich thematisch stimmig die eher knappen Texte „Der Ahnenpass“ und „Die zehnte Karte“ anschließen, nimmt eben diese zwischen 1915 und 1916 geschriebenen akribisch, buchhalterisch geradezu unter die Lupe, um daran biographische Miniaturen über den Urgroßvater und die Großmutter mütterlicherseits anzuknüpfen. Der Clou der als solchen schon aussagegetränkten Erzählung zum Schluss: In zwei lapidaren Sätzen wird festgehalten, wie gedankenlos, wie posenhaft der junge Erwachsene Wonneberger mit einer der raren Hinterlassenschaften des Urgroßvaters umgegangen ist, einem Brotbeutel.

Um Wonneberger selbst geht es auch in „Das Fahrtenmesser“, auch wenn zunächst der ambivalent gezeichnete, der unbeherrscht wütige weil auf sich selbst wütende, „dem Leben nicht gewachsen[e]“ Vater im Zentrum der Erzählung steht. Nachgegangen wird am Beispiel dieses mit lauteren Verstehensbemühungen bedachten Vaters, aber dann auch der eigenen Person der Frage, wo man Dinge aufbewahrt, „deren Besitz verboten oder einem zumindest unangenehm ist, weil sie ein anderes Bild zeichnen als das, welches man gern von sich hätte, Dinge, von denen man aber, warum auch immer, dennoch nicht lassen kann“. Es erweist sich am Ende der Erzählung, dass auch der Sohn – es geht um dessen Zeit bei der NVA – eine mit „Scham“ besetzte ‚Leiche im Keller‘ hat. Freilich eine, die angesichts des Verschwindens des Beweismaterials nie und nimmer zu Tage gekommen wäre, hätte sich der Autor nicht dazu entschlossen, ohne alle Not in dieser Erzählung davon zu berichten. „Ohne alle Not“? Es gehört zum Gerechtigkeitsbestreben Wonnebergers dem einerseits immer wieder fehltretenden, andererseits aufopferungsvollen Vater gegenüber, eigene Unzulänglichkeiten nicht unter den Teppich zu kehren.

Wie dem Vater mit der soeben skizzierten Erzählung, wird auch der Mutter mit „Die Schmetterlingsflügel“ eine eigene Erzählung gewidmet. Diese, eine bitter grundierte Hommage, gehört zu denjenigen Erzählungen des gesamten Bandes, die in besonderer Weise anrühren, ist vielleicht sogar diejenige, die am meisten Eindruck hinterlässt, professionellen Leseverhaltens zum Trotz nahe geht. Das hat nicht nur mit Inhaltlichem zu tun, sondern verdankt sich auch einer in diesem Band unübertroffenen Sprachartistik. Eingeführt wird die Mutter noch als Kind kurz nach dem Krieg, bei einem Festumzug luftig hoch über allen auf einem Festwagen schwebend, als Schmetterling ausstaffiert mit aus zwei mit verziertem Stoff bespannten, „mit einem Scharnier verbundene[n] Flügeln aus Draht“: „So leicht kann das Leben sein. War es nicht kinderleicht?“ Auf eineinhalb Seiten dann das entbehrungsreiche, ihr alles andere als gerecht werdende Leben, das die Mutter die nächsten Jahrzehnte tatsächlich führen musste, „müde, matt, marode“, „immer im Kreis“, dann, das „Schicksal trug den Namen Krebs“, „krank, todkrank, tot“: „Ihr Leben begann und endete im selben Haus.“

Schließlich „Ein Engelskopf“, die vorletzte Erzählung, in der ein „auf dem obersten Brett“ im Bücherregal thronender „abgetrennter Kopf“ – „[w]enn es ein Engel ist, dann muss es ein gefallener sein“ – Anlass bietet, sich ausgiebig an jene Zeit zu erinnern, zu der Wonneberger zwar schon zu Hause ausgezogen war, zu der ihm aber die „Pubertät […] immer noch an den Fersen“ klebte. Verhandelt wird also jener biographische Zeitraum, der auch schon gegen Ende von „Neun Feldpostkarten“ kurz angesprochen wurde. Durchdrungen von „Morbide[m]“ und genussvoll „Melancholie“ zur Schau stellend, begegnen wir einem Wonneberger „voller Hochmut“, der „den ganzen Schmerz der Welt allein auf seinen schmalen Schultern tragen muss“, dabei stets darauf achtend, dass „alle es merken“.

Aufs Ganze gesehen ergibt sich, dass Wonnebergers Inventur nicht nur unter autobiographischen Gesichtspunkten, sondern auch als vielgestaltiges, spotlichtartig operierendes, doch zwangsläufig Fragment bleibendes Geschichtsbild insbesondere des 20. Jahrhunderts betrachtet werden kann. Dabei stellen die Lebenswelt der sogenannten kleinen Leute und die Wege, auf denen Wonneberger aus dieser sympathischer Weise an keiner Stelle denunzierten, vielmehr der freundlichen Erinnerung für Wert befundenen Welt herausgeschritten ist, einen Schwerpunkt dar.

Hier nun überrascht, wie viele Parallelen es doch trotz unterschiedlicher politisch-gesellschaftlicher Einbindungen zwischen der Lebenswelt der kleinen Leute in der DDR und denjenigen in der BRD gegeben hat – der um ein paar Jahre ältere, doch in vergleichbaren Verhältnissen aufgewachsen Rezensent kann das als BRDler bezeugen. Parallelen auch da, wo es um Adoleszenzprozesse des Autors und des Rezensenten geht. Ob sich daraus Ansätze für eine gemeinsame Geschichte der beiden nunmehr bereits im vierten Jahrzehnt de jure wiedervereinigten, in der Praxis aber in mancherlei Hinsicht nach wie vor ungleichen, uneinigen ehemaligen deutschen Teilstaaten entwickeln ließen?

Titelbild

Jens Wonneberger: Inventur.
Müry Salzmann Verlag, Salzburg 2026.
144 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783990143117

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