Vom dichtenden Pastor Schmidt von Werneuchen zum „dekadenten“ Sozialisten Stephan Hermlin

Die „Frankfurter Buntbücher“ wachsen stetig und haben nun schon Heft 66 erreicht

Von Klaus HammerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Hammer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Unseren Sandpoeten“ nannte ihn der Komponist Karl Friedrich Zelter in einem Brief an den Duz-Freund Goethe, den Pastor Schmidt von Werneuchen, den er wie eine schon historisch gewordene Kuriosität beschrieb. In Fontanes Roman Vor dem Sturm wird Schmidts Lied An den Mond am zweiten Weihnachtsfeiertag 1812 im Pfarrhaus von Hohen-Vietz in geselliger Runde gesungen und von dieser anschließend diskutiert. Die Naivität, mit der hier Daseinsfreude gepriesen wurde und die originelle Unbeholfenheit des Reims hat etwas Anrührend-Wehmütiges. Goethe hat in einem parodistischen Gedicht Musen und Grazien in der Mark die provinzielle Beschränktheit des dichtenden Geistlichen, aber auch die Arroganz des gebildeten Städters und Hofmannes gegenüber dem Landleben verspottet.

Günter de Bruyn hebt ihn aus der Vergessenheit hervor – vergessen war er allerdings für die Barnimer nie – und lässt ihm Gerechtigkeit widerfahren: „Rührend sind die immer wieder betonten Glücksgefühle der mit ihren bescheidenen Verhältnissen zufriedenen Menschen, komisch manchmal die Naivität der Weltbetrachtung und die Unvollkommenheit der Verse, denen es aber an Originalität nie fehlt.“ Schmidts frühe Loblieder auf die Schönheiten des Landlebens erschienen 1795 und wurden mit Kupferstichen von Daniel Chodowiecki und Johann Gottfried Schadow sowie mit Noten des preußischen Hofkomponisten Johann Friedrich Reichardt versehen. De Bruyn hat schon 1981 dessen Gedichte unter dem Titel Einfalt und Natur herausgebracht und für die Barnimer ist der Geistliche, der 43 Jahre in Werneuchen, 30 km östlich von Berlin, lebte, unvergessen geblieben.

Und das eben wollen die seit 1991 in unregelmäßiger Folge erscheinenden Frankfurter Buntbücher, die seit 2016 von Wolfgang de Bruyn und Anette Handke herausgegeben werden: den Lebensgeschichten bedeutender Dichter und Künstler an ihren Wohnsitzen in Berlin und im Land Brandenburg nachspüren. 66 Titel, jeweils mit zahlreichen Abbildungen, Lageskizzen, handschriftlichen Zeugnissen versehen, sind bisher erschienen. Schon 2014 sind die Hefte 2005 bis 2013 besprochen worden. In den letzten sechs Jahren sind abermals ein Dutzend neuer Hefte erschienen, die die Literatur- und Kunstlandschaft Berlin und Brandenburg durch neue Aspekte bereichern.

Anschließend an Schmidt von Werneuchen, dessen beste poetische Werke um die Wende zum 19. Jahrhundert entstanden sind, haben wir es mit drei Romantiker-Schicksalen zu tun: mit Achim von Arnims Leben auf dem Wiepersdorfer Familiengut, E.T.A. Hoffmanns amtlicher und schriftstellerischer Tätigkeit in Berlin und Adalbert von Chamissos Aufenthalten in Cunersdorf, die eines der schönsten Wirklichkeitsmärchen, Peter Schemihls wundersame Geschichte, hervorgebracht haben.

Als Wohnsitz von Achim von Arnim und Bettina von Arnim, dem bedeutenden Dichterpaar der Romantik, hat das Schloss Wiepersdorf, südöstlich von Jüterbog, eine lange Tradition als Ort geistigen Austausches. 1814 zogen beide – Arnim hatte 1811 die Schwester seines Freundes Brentano geheiratet – auf das Gut Wiepersdorf. Während es Bettina nach drei Jahren wieder nach Berlin zog, blieb Ludwig Achim sein Leben lang als Gutsherr, Landwirt und Dichter auf dem hoch verschuldeten Gut Wiepersdorf, das er selbst bewirtschaftete, um seine neunköpfige Familie zu ernähren. „Ich bedarf körperlicher Tätigkeit, um mich auch geistig tätig zu erhalten“, äußerte er. Sicher spielt hier auch seine Resignation über die politische Entwicklung in Preußen eine Rolle; der „wachsende Ekel gegen alles, was bei uns im Innern und insbesondere, wie es getrieben wird“, brachte ihn endlich dahin, dass er „die Wirtschaft hier als etwas ganz Fremdes“ betrachtete, „als eine schlechte Komödie“ (Achim von Arnim an Joseph Görres v. 23. Januar 1816 und an Frau Görres v. 30. Dezember 1819).

Der räumlichen Trennung folgte ein umfangreicher Briefwechsel der beiden Ehepartner. In Wiepersdorf entstand Arnims unvollendetes Hauptwerk Die Kronenwächter, dessen erster Band 1817 erschien. Es entspricht bis zu einem gewissen Grad unserer heutigen Vorstellung von dem, was wir einen historischen Roman nennen. Vor allem aber gilt unter allen Novellen Arnims Der tolle Invalide auf dem Fort Ratonneau als eine der gelungensten, die Geschichte einer humorvollen Begebenheit in der Art, wie sie etwa durch den Hauptmann von Köpenick überliefert ist. Sie zeichnet sich durch ihren erfrischenden Humor und ihren Realismus aus.

Holger Schwinn vermittelt ein anschauliches Bild des Gutsherrn Arnim, der nicht nur sein Gut umgestaltete, sondern seine ganze Bärwalder Liegenschaft veränderte. Trotzdem reichte die Landwirtschaft auf seinem „Ländchen“ gerade so zur Selbstversorgung der Familie, die Schuldenlast verringerte sich zwar, Arnim konnte sie aber nie komplett tilgen. Wenn Besuch eintraf, sein Freund Clemens Brentano, Friedrich Carl von Savigny oder auch Wilhelm Grimm, dann wurden sie in die laufenden Arbeiten mit eingespannt. Während Bettina die Kommunikation in Berlin brauchte, schien ihrem Gatten die Einsamkeit in Wiepersdorf nicht zu stören. Bettina hatte aber einen Dichter geheiratet, der nun – so Schwinn – zu „verbauern“ schien. Dennoch hatte er die Lektüre und das Schreiben nicht aufgegeben. Ja, der Aufenthalt auf dem Lande und in der „Natur“ gab ihm Anregungen und die Freiheit, die er zur Dichtung brauchte. Schwinn spricht von einer „Erdung der Romantik“, von einer zunehmenden Orientierung Arnims an der alltäglichen Realität: „Was der Schriftsteller in Wiepersdorf und von Wiepersdorf beeinflusst verfasste, (ist) oft lebensnäher, realistischer und kritischer, als das sonst in Texten der Romantik üblich ist – wenngleich Arnim zeit seines Lebens ein Romantiker geblieben ist.“ Achim starb 1831 in Wiepersdorf, er wurde fast genau 50 Jahre alt. Und als dann Bettina wieder nach Wiepersdorf übersiedelte, begann erst – Ironie des Schicksals – ihre große literarische Phase, die sie berühmt gemacht hat.

1814 kehrte E.T.A. Hoffmann reumütig nach Berlin in den Justizdienst zurück. 1808 bis 1813 hatte er als freier Künstler, Kapellmeister, Bühnenbildner, Theater-Komponist und Musiklehrer in den Honoratiorenhäusern in Bamberg gelebt. Diese „Lehr- und Marterjahre“ beendete er als gescheiterte Existenz. Das Märchen Der goldene Topf half ihm, erträgliche Lebensumstände zu kompensieren. Es ist Eskapismus in ein Reich der Träume und Ekstasen. Hinter der Liebesgeschichte zwischen dem Studenten Anselmus und dem Schlänglein Serpentina steht die Utopie einer ästhetischen Existenz.

Wie Hoffmann die preußische Residenzstadt Berlin erlebt und wie er sie in seinem Prosawerk gestaltet hat, wo er selbst die Tage und Nächte verbracht hat – im Kammergericht, zu Hause, im Theater (seine Oper Undine hatte 1816/17 großen Erfolg, der nur durch den Brand des Schauspielhauses unterbrochen wurde), bei Empfängen und Veranstaltungen, in einer der Weinstuben –, mit wem er Umgang pflegte – hier eröffnet sich ein höchst ergiebiges Recherchier- und Betätigungsfeld, das Jörg Petzel erkundet und anschaulich beschreibt.

Der Gegensatz zwischen Kunst und bürgerlicher Lebenswirklichkeit war für Hoffmann von Anfang an der Angelpunkt seines Denkens und seiner Einstellung zur Welt. Im Gegensatz zum Goldenen Topf setzten die Märchen der Berliner Zeit die Vorgänge und Gestalten, die als zugehörig zur gesellschaftlichen Wirklichkeit charakterisiert sind, mit denen aus der Phantasie- und Zauberwelt in Widerspruch. Die Alltagswirklichkeit löste sich nicht mehr im Märchen auf. In der sogenannten Knarrpanti-Episode des Meister Floh porträtierte Hoffmann Person und Tätigkeit seines Vorgesetzten, des Direktors im Polizeipräsidium Kamptz, der die Demagogenverfolgungen in Preußen leitete. Seine Satire wurde ihm zum Verhängnis, Hoffmann drohte ein gerichtliches Verfahren, er sollte versetzt werden, was nur sein schlechter Gesundheitszustand und früher Tod verhinderten.

Der Berliner Medizinstudent und abgedankte preußische Leutnant Adelbert von Chamisso hatte sich nach Ausbruch der Befreiungskriege 1813 aus dem patriotisch erregten Berlin zu der Familie Itzenplitz auf Gut Cunersdorf im Oderbruch zurückgezogen. Hier konnte er sich als botanischer Naturforscher erproben und eine erste wissenschaftliche Publikation vorlegen. Um den Kindern des Berliner Verlagsbuchhändlers Julius Hitzig eine Freude zu machen – ihnen widmete auch E.T.A. Hoffmann 1816 sein Märchen Nussknacker und Mäusekönig –, schrieb Chamisso seinen Peter Schlemihl, der ihn zu einem berühmten Autor Europas machte. Das Fehlen seines Schattens, Symbol für Identität, gesellschaftliche Integriertheit, Heimatzugehörigkeit, bringt Schlemihl um sein Glück, stürzt ihn schließlich in Elend und seelische Krankheit. In Anreden, Beteuerungen, Ausrufen und melancholischen Reflexionen über die Vergänglichkeit gewinnt der Ich-Erzähler die Konturen eines alten Mannes, der dem fiktiven Herausgeber Chamisso in einer Art Briefform sein Leben erzählt. Herausgeberfiktion und Adressenanrede entstammen dem Repertoire der romantischen Ironie. Schlemihl zieht die Einsicht: Wer in der Gesellschaft leben will, muss „zuvörderst den Schatten, sodann das Geld“ verehren lernen.

Monika Sproll beschreibt Cunersdorf als ländlichen Musenhof mit speziellen ortsbezogenen Interessen, geprägt von Kenntnissen und Tätigkeiten, wie sie vor allem von Frau von Friedland als Gutsherrin ab 1789 ausgeübt wurden. Der Aufenthalt Chamissos in Cunersdorf und – im übertragenen Sinne – das konkrete Modell des Peter Schlemihl, die Flora und Fauna der Welt mit Siebenmeilenstiefeln zu erkunden, bot die Voraussetzung für die Weltreise, die Chamisso dann 1815 bis 1818 mit der russischen Brigg Otto von Kotzebues als Naturforscher unternehmen sollte. Die Sammlungen und Erfahrungen dieser Weltreise sicherten ihm ein geachtetes Leben als Botaniker in Preußen. In seinen lyrischen Dichtungen übernahm er Formen und Techniken des deutschen Volksliedes, der Lyrik Goethes und Uhlands, passte sie jedoch seiner neuen Poesie- und Wirklichkeitsauffassung an. Doch die Verbindung zu Cunersdorf ist bis zu seinem Lebensende nicht abgebrochen. „Sie steht mit ihrer doppelten thematischen Ausrichtung, der Literatur und botanischen Arbeit, beispielhaft für die komplexen Beschäftigungen Chamissos.“

Franz Freiherr Gaudy ist literarisch ein weithin Unbekannter geblieben. 1828 erschien ein Band mit Gedichten, die vom Stil Heines beeinflusst waren. Zusammen mit Chamisso übersetzte er Chansons von Pierre-Jean de Béranger, deren leicht eingängigen Ton und deren Vorliebe für Themen des Alltags er in der Sammlung Korallen (1834) übernahm. In seinem Romanzenepos Kaiser-Lieder (1835) huldigte er Napoleon. Populär wurde er damals durch seine Reiseberichte und Erzählungen aus Italien, besonders die Venetianischen Novellen und die humoristische Erzählung Aus dem Tagebuch eines wandernden Schneidergesellen. Als Novellist schätzte man an ihm seinen humoristischen Einschlag und die phantasievolle Lebendigkeit seiner Erzählweise. Warum nun aber ein Heft, das sich auf seine Inhaftierung 1827 auf der Festung Silberberg (Schlesien) bezieht, also auf einen Zeitpunkt, an dem der verschuldete preußische Leutnant Gaudy, der – erst strafversetzt, dann wegen „Duell-Ehrenhändel“ 1825 in der Festung Glogau und 1827 in der Festung Silberberg in Haft genommen – literarisch überhaupt noch nicht hervorgetreten war?

Doris Fouquet-Plümacher beschreibt sehr detailliert die Umstände und Bedingungen, in die der „frührealistische Schriftsteller im Vormärz“ auf Silberstein geraten war, kann aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht den Beweis für diese literarische Kennzeichnung antreten. In der Entwicklung Gaudys zeigt sie gewisse Parallelen zu der Heinrich von Kleists auf, vergleicht die Haftbedingungen auf Silberstein mit denen anderer prominenter Gefangener wie Fritz Reuter, der 1834 bis 1837 dort interniert war, kann aber für den Silberstein-Häftling Gaudy lediglich einige satirische Zeichnungen, Porträt-Karikaturen und Verse aus dem Tagebuch vorweisen. Auch das wirklich anspruchsvolle Gedicht Die Bergveste ist erst 1828 entstanden, als Gaudy eine Wanderung durch das Riesen- und Glatzer Gebirge machte und auch die Festung Silberberg wieder aufsuchte.

Wir machen einen großen zeitlichen Sprung und kommen in das Berlin von Kurt Tucholsky, der als Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Peter Panter, Kaspar Hauser und manchmal auch Kurt Tucholsky seine Meisterwerke der Stilkunst, des Humors und der Satire in der Weltbühne schrieb. Das waren seine „5 PS“, die selbständig ihr Eigenleben, ihr Eigenschaffen entfalteten.

Und es war nützlich, fünfmal vorhanden zu sein – denn wer glaubt in Deutschland einem politischen Schriftsteller Humor? Dem Satiriker Ernst? Dem Verspielten Kenntnis des Strafgesetzbuches, dem Städteschilderer lustige Verse? Humor diskreditiert. Wir wollten uns nicht diskreditieren lassen und taten jeder seins. Ich sah mit ihren Augen, und ich sah sie alle fünf: Wrobel, einen essigsauren, bebrillten, blaurasierten Kerl, in der Nähe eines Buckels und roter Haare; Panter einen beweglichen, kugelrunden, kleinen Mann; Tiger sang nur Verse, waren keine da, schlief er – und nach dem Kriege schlug noch Kaspar Hauser die Augen auf, sah in die Welt und verstand sie nicht. Eine Fehde zwischen ihnen wäre durchaus möglich. Sie dauert schon siebenunddreißig Jahre.

So charakterisierte Tucholsky, der in steter Auseinandersetzung mit den Zeitereignissen zwischen 1907 und 1932 fast 2500 Kritiken, Feuilletons, satirische Skizzen, Polemiken und Pamphlete, Porträts, Gedichte und Chansons veröffentlicht hat, die verschiedenen Rollen seines Metiers: Ignaz Wrobel ist der stachelige Satiriker, Peter Panter der Theaterkritiker, literarische Rezensent und Reiseschriftsteller, Theobald Tiger der Versemacher, Kaspar Hauser sieht eine Welt, die er nicht versteht.

Sunhild Pflug sucht die Örtlichkeiten in Berlin auf, in denen sich der Sohn jüdisch assimilierter Eltern aufgehalten hat, denn von „Wohnen“ kann man hier bei dem umtriebigen, „unbehausten“ Autor nicht sprechen. „Glücklich bin ich nicht, weil diese Stadt lähmt“, schrieb er schon 1918 an Mary Gerold, jene Deutschbaltin, die Tucholsky dann 1924 heiraten wird. Seine Sehnsuchtslandschaft war die Ostsee, aber niemals hat er sich dort niedergelassen. 1920 war er zu seiner langjährigen Jugendfreundin, der Ärztin Else Weil, nach Berlin-Friedenau gezogen. Sie ist das leibhaftige Vorbild für die Figur der Claire in der Erzählung Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte, die 1912 seinen Erfolg als Schriftsteller begründete. Aber schon nach drei Jahren war diese Ehe gescheitert. Mit Mary Gerold ging er als Auslandskorrespondent der Weltbühne und der Vossischen Zeitung nach Paris. Doch bald begann er wieder allein zu reisen, und nach dem überraschenden Tod von Siegfried Jacobsohn übernahm er widerwillig die Leitung der Weltbühne in Berlin, während Mary in Paris zurückblieb. Und auch die nächsten Jahre hetzte Tucholsky durch Europa, als wäre er auf der Flucht. Von da an sahen sie sich nur noch selten, fast immer war einer von beiden unterwegs. Die anwachsende Briefzahl ist ein Gradmesser der Entfernung, nicht nur der äußeren, sondern auch der inneren.

Ende September 1928 kehrte Tucholsky noch einmal zu Mary zurück, er wollte es noch einmal versuchen. Doch knapp zwei Monate später verließ nun sie ihn, diesmal endgültig. Zurück blieb ihr Abschiedsbrief, den er bis zu seinem Tod in der Brieftasche bei sich trug. Die Ehe mit Mary wurde 1933, unmittelbar vor der Ausbürgerung Tucholskys, geschieden. Die reale Person Mary konnte er nur zeitweise lieben, das „Märchen“ Mary liebte er bis zu seinem Tod. Die Briefe hatten gleichsam das reale Leben ersetzt.

Wer war Hanns Meinke? Sein Name ist heute so gut wie vergessen. Edda Gutsche klärt uns in dem Heft Hanns Meinke in Lichtenow auf: Da sein lyrisches und bildkünstlerisches Werk größtenteils im Selbstverlag erschienen ist, blieb es einer breiten Öffentlichkeit unbekannt. Seine Poesie entstammt der Mark, genauer gesagt Lichtenow im Landkreis Niederbarnim, wo er den größten Teil seiner Kindheit verbracht hat und der ihm sein Leben lang Heimat war. Hier kam er mit der Poesie in Berührung und wurde selbst zum Dichter, doch der Literaturbetrieb interessierte ihn überhaupt nicht: alles, was mit Öffentlichkeit zu tun hatte, wurde von ihm gemieden.

Durch sein Interesse an Charles Baudelaire war Meinke auf Stefan George aufmerksam geworden. Die Begegnung mit Rudolf Pannwitz und dessen literarischer Privatmythologie hatte zur Folge, dass er mit Otto zur Lindes „Charon“-Kreis in Berührung kam, in der gleichnamigen Zeitschrift veröffentlichte er zwischen 1905 und 1911 zahlreiche Gedichte und Kurzprosastücke. Eine „Kunst von innen heraus“ könne und müsse die Welt verändern, hieß es bei den „Charon“-Dichtern. Das stand in einem vagen Zusammenhang mit den Forderungen nach einem „neuen“ Menschen und einer „neuen“ Zeit, wie sie damals allseits erhoben wurde. Als sich 1933 die Hitler-Diktatur etablierte, beschäftigte sich Meinke gerade mit der Philosophie der islamischen Sufi-Bewegung und der persischen Dichtung, aus der er manches ins Deutsche übersetzte. Doch der Volksschullehrer ließ sich vorzeitig pensionieren, um „keinen Finger für die Partei rühren zu brauchen“, wie er in seinem im Archiv der Akademie der Künste aufbewahrten „Lebenslauf“ schreibt. Seine Schriften brachte er in bibliophiler Aufmachung im Eigenverlag (Merlin-Presse) heraus. Detailliert äußert sich Edda Gutsche über die Kindheits- und Jugendjahre Meinkes in Lichtenow. Lange Zeit lebte er dann in Königs Wusterhausen, doch als Pensionär zuletzt in Berlin.

„Nun hier Fuß gefasst in Berlin… Charlotte E. Pauly“, heißt das nächste Heft: Anita Kühnel, eine profunde Kennerin des Werkes dieser Malerin, Schriftstellerin und Kunsthistorikerin, die, in Schlesien aufgewachsen, Gerhart Hauptmanns Nachbarin in Agnetendorf gewesen war und im Juli 1946 mit einem Sonderzug, der den toten Schriftsteller überführte, in Berlin eintraf, zeichnet das „zweite Leben“ der Pauly nach, das sie bis zu ihrem Tode (1981) vornehmlich in Berlin-Friedrichshagen verbrachte. Mit ihrem orientalischen Käppchen war sie eine bekannte Erscheinung im Kunstleben des Nachkriegs-Berlin, diskutierte, setzte sich ein, schrieb, zeichnete und malte. Auf ihren Reisen nach Südeuropa sowie in der Nahen und Mittleren Osten hatte sich Charlotte E. Pauly, die sich immer als „Weltbürgerin“ fühlte, in den 1920er/Anfang der 1930er Jahren mit Unterbrechungen in Spanien aufgehalten, entdeckte das Leben der „Zigeuner“ und überhaupt der Landbevölkerung, nahm bei dem Maler Daniel Vazquez Diaz in Madrid Unterricht und übertrug die Zigeuner-Romanzen von Garcia Lorca ins Deutsche. Die Motive ihrer Malerei, Zeichnungen und Aquarelle entnahm sie aus der Landschaft und dem ländlichen Leben nicht nur Spaniens und Portugals.

Ende der 1950er Jahre begegnete sie Herbert Tucholski, der ihr im Alter von 73 Jahren noch die Drucktechnik beibrachte. „Ich habe aber auch etwas zuwege gebracht, eine Menge Kaltnadel, gegen 60, von denen noch nicht alle abgezogen sind, und zehn meist große Lithos. Diese Technik habe ich in diesem Winter schön gelernt, überhaupt hat mir diese Graphik unsägliche Freude gemacht […] Es ist doch eine gute Sache, Dinge, die man seit bald 30 Jahren im Kopf trägt, endlich verwirklichen zu können“, schrieb sie ihrer Malerkollegin Sella Hasse im Juni 1959. Sie wiederholte jetzt ihre Bilder und machte Monotypien, nutzte also ein Verfahren, bei dem von einer Platte nur ein Abzug hergestellt wird. In ihrem umfangreichen grafischen Werk zeigte sich unakademisch, heiter und naiv, unbekümmert und scheinbar absichtslos ein Realismus, der ebenso anregend wie beglückend war. Ihre Kunst hat zahlreiche jüngere Grafiker in Berlin und Dresden inspiriert.

Die Skulpturen von Werner Stötzer (1931–2010) erscheinen in großer Ruhe und zeitloser Dauer, im lastenden Gewicht des Materials und zugleich in schwebender, flüchtiger Leichtigkeit. Ein Gebirge, eine Felsmelodie von menschlicher Figur. Nicht mehr die vollplastische, runde Form interessierte den in Thüringen geborenen, aber in Altlangsow im Oderbruch lebenden Bildhauer. Er verwendete die Steine so, wie sie aus dem Bruch kamen, spürte den Flächen nach, ließ Ecken, Kanten, Schnitte stehen. Dann wieder brach er den Stein auf, zerstörte das Vorgegebene. „Zerstören ist am Stein nicht vernichten, in dieser Art zerstören liegt neu finden, abschlagen bedeutet Schichten zu erleben, Sprünge zu sehen und Grabungen zu folgen“, so Stötzer.

Sein Sohn, Karl Hagen Stötzer, spürt der Biographie seines Vaters nach und greift dabei auf dessen autobiographische Zeugnisse zurück. Dieser hat seine Berliner Meisterschülerzeit bei Gustav Seitz als die Periode bezeichnet, die ihn zum Bildhauer werden ließ. Ausführlich lässt der Verfasser seinen Vater erzählen, wie sie 1977 das Pfarrhaus in Altlangsow im Oderbruch gefunden haben, das nun das Domizil der dreiköpfigen Familie werden sollte. Die Landschaft und ihre Menschen wurden ihm vertraut und bald – 1988 – gelang es, das von Schinkel entworfene Altlangsower Schul- und Bethaus als ein Kultur- und Ausstellungszentrum einzurichten.

Der von Stötzer bevorzugte Marmor ist ein durch seine Feinkörnigkeit, durch seine Struktur und Farbschattierungen auf eine stille Weise ungemein lebendiger, in seiner Sanftheit und seinem funkelnden Glanz dabei sehr edler Stein. So sind seine Skulpturen mineralogischen und kristallinischen Formen verwandt, Körperspuren, die sich dem Stein aufprägen, die sich den Wachstumsformen der Natur einfügen. Es ist, als ob ein Naturgebilde in seiner ruhevollen Schönheit transparent würde. Dabei wird die Abstraktion der Figur nie so weit getrieben, dass dadurch die materialbedingte Gestalt ihren Naturgrund verliert. Stötzer abstrahiert, indem er aus der lastenden Schwere des Vorgegebenen ein Formgefüge in seiner Singularität herausschält. Seine Arbeiten lassen Archetypisches erkennen, verschmelzen Vorstellungen von archäologischem Relikt und formaler Neuschöpfung, von Organischem und Kristallinem, Durchformung und Raumoffenheit zu einer neuen Einheit.

Saale und Werra (Sandstein, 1998), dieses ineinander verschmolzene weibliche Figurenpaar, Rücken an Rücken, erscheint wie ein Gegenstück zu Constantin Brâncușis Der Kuss. Auf dem Körper der Michael-Kohlhaas-Stele (Marmor, 1998) sind mit dem Eisen scheinbar richtungslos Striche aufgetragen, sie wirken wie mit dem Pinsel getupft, wie ein sanftes Streicheln der Haut. Torsohaft auch die Bronzen: Eine unterlebensgroße Undine in grüner Patina, in freier Figuration, halb Mensch, halb Elementargeist, ihren Körper wie ein Quell des Lebens darbietend, oder der Prenzelberger Torso, eine atmende Bronzefolie mit unmerklichen Hebungen und Senkungen, durch die sich schmerzvoll ein vertikaler Grat zieht. Dann wieder Märkisches Tor (2006-2008, Sandstein) – zwei sich gegenüberstehende überlebensgroße blockhafte Stelen, sie halten mit erhobenem Arm Ausschau übers Land, Standfestigkeit und Blickweite andeutend. Die Oder (2005–2008, Kalkstein), eine liegende Figur mit aufgestütztem Arm und angezogenem Bein, ist gleichsam zur schwimmenden Menschenbank geworden. Sie robbt dahin wie die Welle über Katarakte. Die Natur, das Archaische, das Abstrahierend-Prozesshafte interessierte Stötzer in gleicher Weise. Er blieb sinnenhaft in der Abstraktion auch dort, wo die Figur zum Sinnbild von Natur wird. Gelassen stehen seine Skulpturen gegen die Betriebsamkeit unserer Zeit. So wie Stötzer sich selbst treu geblieben ist, demonstrieren seine plastischen Sinnzeichen Würde und Haltung in einer existenziell bedrohten Welt.

„Ich bin ein spätbürgerlicher Schriftsteller – was könnte ich als Schriftsteller auch anders sein. Ich hörte nicht auf, einer zu sein, während ich Jahrzehnte hindurch Kommunist war und blieb.“ So bezeichnete sich 1978 Stephan Hermlin, der eine Respektsfigur in der DDR war, auch wenn oder gerade weil er oft von den Parteigrößen ins politische Abseits gedrängt wurde, und dem die französische Moderne eigentlich viel näher lag als der sozialistische Realismus. Immer wieder hat er seine Stimme erhoben gegen den Dogmatismus in der DDR, er protestierte auch gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, hielt aber zeitlebens an seiner Überzeugung eines menschlichen Sozialismus fest.

Klaus Völker lernte Stephan Hermlin 1960 näher kennen und war oft in dessen Haus in Berlin-Niederschönhausen zu Gast. Aus dessen Erinnerungen und Korrespondenzen, auch aus Gesprächen, die er mit Familienangehörigen Hermlins führte, lässt er ein vorurteilsloses, aber keineswegs widerspruchsfreies Bild des Dichters entstehen, der es als das Vorrecht des Dichters ansah, „vernunftlos zu träumen“. In dem Roman Abendlicht (1979), den eine beeindruckende sprachliche Virtuosität auszeichnet – der Roman gehört zu den Höhepunkten der DDR-Literatur – erzählt Hermlin die Lebensgeschichte eines jungen Mannes, die Parallelen zu seiner eigenen aufweist. Man hat ihn im Westen als direkte Autobiographie missverstanden, und da Hermlin auch seine frühe Biographie an einigen Stellen retuschiert hatte, wie Recherchen des Journalisten Karl Corino ergeben haben, geriet er nach der Wende in einige Bedrängnis. Seine große literarische Leistung und seine literaturpolitischen Verdienste bleiben aber unangefochten, und Völker hat mit seiner einfühlsamen Würdigung der Persönlichkeit Hermlins dazu beigetragen.

Die Frankfurter Buntbücher suchen das in Vergessenheit Geratene wieder gegenwärtig zu machen, das Bleibende und Bewahrende herauszuarbeiten, natürlich auch Neues zu entdecken – sie knüpfen das kulturelle Netzwerk Berlins und des Landes Brandenburg immer dichter.

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Klaus Völker: Stephan Hermlin in Berlin-Niederschönhausen (1947–1997).
vbb Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2020.
32 Seiten , 8,00 EUR.
ISBN-13: 9783938008652

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Doris Fouquet-Plümacher: Franz Freiherr Gaudy 1827 auf der Festung Silberberg (Schlesien).
vbb Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2020.
32 Seiten , 8,00 EUR.
ISBN-13: 9783938008645

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Anita Kühnel: Nun hier Fuß gefaßt in Berlin … Charlotte E. Pauly.
vbb Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2017.
30 Seiten , 8,00 EUR.
ISBN-13: 9783945256992

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Günter de Bruyn: Der Sandpoet. Friedrich Wilhelm August Schmidt, genannt Schmidt von Werneuchen.
vbb Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2017.
32 Seiten , 8,00 EUR.
ISBN-13: 9783938008546

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Karl Hagen-Stötzer: Werner Stötzer in Altlangsow, Oderbruch.
vbb Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2016.
30 Seiten , 8,00 EUR.
ISBN-13: 9783938008492

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Holger Schwinn: Achim von Arnim auf Wiepersdorf.
vbb Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2016.
28 Seiten , 8,00 EUR.
ISBN-13: 9783945256374

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Jörg Petzel: Teufelspuppen, brennende Perücken, Magnetiseure, Hüpf- und Schwungmeister. E.T.A. Hoffmann in Berlin.
Förderkreis Kleist-Museum, Frankfurt / Oder 2015.
30 Seiten , 8,00 EUR.
ISBN-13: 9783945256367

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Sunhild Pflug: „Da stehn die Häuser, und lassen in sich hausen …“. Kurt Tucholskys Wohnorte in Berlin.
Förderkreis Kleist-Museum, Frankfurt / Oder 2015.
30 S. , 8,00 EUR.
ISBN-13: 9783938008454

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Monika Sproll: Adelbert von Chamisso in Cunersdorf.
Förderkreis Kleist-Museum, Frankfurt / Oder 2014.
30 S. , 8,00 EUR.
ISBN-13: 9783945256053

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Edda Gutsche: Hanns Meinke in Lichtenow.
Förderkreis Kleist-Museum, Frankfurt / Oder 2014.
30 S. , 8,00 EUR.
ISBN-13: 9783945256046

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