Vom Stendaler Schustersohn zum international gefeierten Archäologen in Rom – der deutsche Erfinder der Antike

Zum 250. Todestag von Johann Joachim Winckelmann

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) war Archäologe, Bibliothekar, Kunsthistoriker und Schriftsteller der frühen Aufklärung – oder wie ein Buchtitel aus dem Jahr 2016 regelrecht schwärmte: ein „Popstar des 18. Jahrhunderts“. Die Weimarer Klassik um Goethe und Schiller ist ohne Winckelmann nicht zu denken. Dabei wurde seine Beschreibung und Deutung der berühmten Laokoon-Gruppe „Die höchste Majestät des Leidens“ zur Initialzündung der klassischen Kunst schlechthin. Alle großen Repräsentanten der Weimarer Klassik (Herder, Goethe und Schiller) wurden davon inspiriert und haben eigene Laokoon-Studien geschrieben.

Doch soweit sind wir noch nicht. Johann Joachim Winckelmann wurde am 9. Dezember 1717 als einziges Kind des Schusters Martin Winckelmann und seiner Ehefrau Anna Maria, geb. Meyer, im altmärkischen Stendal geboren. Die Taufe folgte einen Tag später in der evangelischen Petrikirche. Kindheit und Erziehung war von der lutherischen Frömmigkeit der biederen Eltern geprägt. Schon früh erkannte man Begabung und Wissensdurst des sensiblen Knaben und so besuchte er bereits mit zehn Jahren die altehrwürdige Lateinschule von Stendal – für einen Handwerkersohn etwas durchaus Außergewöhnliches. Durch „Currendsingen und Nachhülfestunden“ musste der Junge zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Verschiedene Gönner ermöglichten ihm 1735 einen Besuch des Köllnischen Gymnasiums in Berlin, wo er seine Kenntnisse der griechischen Sprache und Literatur erweitern konnte. Trotzdem kehrte er im Herbst 1736 in seine Heimatstadt zurück, wo er bis 1738 die Altstädter Lateinschule im ehemaligen Franziskanerkloster Salzwedel besuchte. Als Winckelmann erfährt, dass die Bibliothek des berühmten Philologen und Theologen Johann Albert Frabricius (1668–1736) in Hamburg verkauft werden sollte, machte sich der 20jährige zu Fuß auf den Weg und konnte dort einige sehnlichst gewünschte Bücher erstehen, die er freudig nach Hause trug.

Im April 1738 immatrikulierte sich Winckelmann an der Friedrichs-Universität Halle zum Studium der Theologie. Er hätte gern Medizin studiert, doch als mittelloser Student blieb ihm keine andere Studienwahl. Neben theologischen hörte er auch philosophische Vorlesungen, vor allem bei Alexander Gottlieb Baumgarten in Logik, Geschichte der alten Philosophie und Metaphysik. Hier vertraute ihm der Kanzler und Historiker Johann Peter von Ludewig (1668–1743) seine Privatbibliothek zur Neuordnung an. Mit über 13.000 Bänden und fast 1.000 Handschriften war diese umfangreicher als die Universitätsbibliothek.

Nach dem Studium in Halle bestritt Winckelmann zunächst seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer oder Hofmeister, ehe er von 1741 bis 1742 an der Universität Jena doch Medizin – daneben noch Geometrie und höhere Mathematik – studieren konnte. Das Interesse für die Medizin und die Naturwissenschaften sollte Winckelmann ein Leben lang begleiten. Nach dem Abschluss seines Studiums trat Winckelmann kurzzeitig die Stelle eines Hauslehrers im Dienste des Oberamtmannes des Magdeburgischen Domkapitels zu Hadmersleben H. Christian Lamprecht an, ehe er dann im Frühjahr 1743 Konrektor der Lateinschule in Seehausen wurde. Fünf Jahre im preußischen Schuldienst musste er die für ihn erdrückenden Verhältnisse in dem altmärkischen Provinzstädtchen erdulden. Die wenigen Schulkinder unterrichtete er in Latein, Griechisch aber auch in Geschichte und Geografie. Statt seinen Zöglingen aus der Bibel vorzulesen, hätte er ihnen sicher viel lieber Homer beigebracht. Winckelmann empfand die Jahre in Seehausen als Martyrium, so schrieb er später an einen Freund: „Ich habe vieles gekostet, aber über die Knechtschaft in Seehausen ist nichts gegangen.“

Kein Wunder also, dass Winckelmann im September 1748 die Gelegenheit ergriff, als der Reichsgraf Heinrich von Bünau (1697–1762) für seine umfangreiche Bibliothek (mit 42.000 Bänden die größte Privatbibliothek in Deutschland) auf Schloss Nöthnitz (bei Dresden) einen Bibliothekar zur Erfassung des Bestandes suchte. So arbeitete er auch an der von Bünau herausgegeben Teutschen Kayser- und Reichshistorie mit. Nach Seehausen waren es sechs glückliche Jahre, denn neben der Vertiefung in die gräflichen Bücherbestände ergab sich für Winckelmann auch die Möglichkeit, im benachbarten Dresden, damals eine aufblühende Residenzstadt der sächsischen Kurfürsten und polnischen Könige (Friedrich August II.), Kontakte zu Künstlern und Gelehrten zu knüpfen – darunter zu dem Maler Adam Friedrich Oeser (1717–1799), der ihm (wie auch später Goethe) Zeichenunterricht erteilte. Auf Schloss Nöthnitz entstand Winckelmanns erste bedeutende Publikation Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Mahlerey und Bildhauerkunst (1755). In dieser Schrift, die den Vorbildcharakter der griechischen Kunst für das 18. Jahrhundert unterstrich, proklamierte Winckelmann erstmals das Begriffspaar „edle Einfalt und stille Größe“, das für die deutsche Klassik so wegweisend werden sollte. Mit diesem Erstling, der gleichzeitig eine Absage an die Überladenheit von Barock und Rokoko war, leitete er den Klassizismus in Deutschland ein.

Fast wöchentlich – besonders in den letzten Jahren – weilte Winckelmann in Dresden und machte hier auch die Bekanntschaft von Alberico Graf von Archinto (1698–1758) und des Jesuitenpaters Leo Rauch (1696–1775), dem Beichtvater des sächsischen Kurfürsten. Archinto, Erzbischof, Kardinal und päpstlicher Nuntius am sächsisch-polnischen Hof, war im Begriff, nach Rom zurückzukehren, um dort den Posten eines Governatore di Roma zu übernehmen. Die beiden weltgewandten Diplomaten versprachen Winckelmann eine Anstellung als Bibliothekar in Rom, sofern er zum römisch-katholischen Glauben übertrete. Obwohl Winckelmann darin die Erfüllung seiner Italienträume sah, hatte er zunächst große Bedenken. Nicht aus religiöser Sicht, sondern aus Rücksicht auf die protestantische Öffentlichkeit. Doch am 11. Juni 1754 wurde der „kühnste Schritt, den er je in seinem Leben getan hatte“ vollzogen.

Die Abreise nach Rom verzögerte sich jedoch bis Ende September 1755. Um die Wartezeit zu überbrücken, zog Winckelmann ganz nach Dresden um. Ausgestattet mit einer jährlichen Pension des sächsischen Kurfürsten erreichte er über Augsburg, Venedig und Bologna schließlich nach achtwöchiger Reise am 18. November 1755 Rom und betrat die Ewige Stadt durch die Porta del Popolo. Über diesen Moment schrieb später der österreichische Schriftsteller und Kulturphilosoph Egon Friedell (1878–1938) in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit:

Am 18. November fuhr er durch die porta del popolo in Rom ein und nahm damit gewissermaßen die ewige Stadt in Besitz. Dieser Herr war der preußische Literator Johann Joachim Winckelmann, Verfasser einer in Fachkreisen sehr beifällig aufgenommenen kleinen Kunstabhandlung über die Nachahmung der griechischen Werke, und dieser Alpenübergang und Einzug in Rom war eine der denkwürdigsten Tatsachen der neueren Kulturhistorie.

Mit Hilfe des Malers und Kunsthistorikers Anton Raphael Mengs (1728–1779) kam der Neuankömmling im Palazzo Zuccari unter, einem der größten Künstlerhäuser des Fremdenviertels. Zunächst durchstreifte Winckelmann die Stadt am Tiber mit ihren Palästen und Galerien, studierte die Kunstsammlungen in der Villa Medici, der Villa Borghese und in anderen römischen Familienanlagen. Besonders häufig war er jedoch in den Bibliotheken anzutreffen. Darüber hinaus knüpfte er zahlreiche Kontakte zu meist ausländischen Künstlern. In die Umgebung von Rom unternahm Wickelmann ebenfalls zahlreiche Exkursionen.

Als Kardinal Archinto, der ihn nach Rom vermittelt und dort aufgenommen hatte, 1758 starb, erhielt Winckelmann das verlockende Angebot des großen Altertumskenners Kardinal Alessandro Albanis (1692–1779), als Bibliothekar in seine Dienste zu treten. Damit war seine Zukunft in Rom gesichert. Doch zunächst weilte Winckelmann von September 1758 bis April 1759 in Florenz, wo man ihn gebeten hatte, über die berühmte und enorme Gemmensammlung des Barons Philipp von Stosch (1691–1757) in französischer Sprache zu publizieren: Description des Pierres gravées du feu Baron des Stosch (1760). Nach seiner Rückkehr bezog Winckelmann im Palazzo Albani del Drago eine kleine Vierzimmerwohnung. Winckelmanns Aufgabe bestand darin, dem Kardinal „zur Gesellschaft zu dienen und der Aufseher seiner großen und gewählten Bibliothek zu seyn“. Ansonsten ließ der antikenbegeisterte Kardinal seinem Bibliothekar die größtmögliche Freiheit und unterstützte ihn bei seinen Forschungen. So konnte Winckelmann vier Neapelreisen (1758, 1762, 1764 und 1767) unternehmen, die für ihn von großer Bedeutung waren. Hier konnte er die Vesuv-Städten Herculaneum und Pompeji besuchen und die dortigen Sammlungen intensiv studieren. Sein besonderes Interesse galt dabei der Villa dei Papiri in Herculaneum, wo man wenige Jahre zuvor etwa 1100 Schriftrollen ausgegraben hatte. Seine detaillierten Beobachtungen und Untersuchungen fasste Winckelmann nach seiner zweiten Studienreise im Sendschreiben von den Herculanischen Entdeckungen (1762) zusammen. Übrigens ist man bis heute mit der schwierigen Konservierung und Entzifferung der Rollen beschäftigt.

1763 wurde Winckelmann zum Präsidenten der päpstlichen Altertumsverwaltung und damit zum Kommissar der Altertümer in Rom ernannt. In der Vatikanischen Bibliothek erhielt er außerdem die Stelle des Scrittore teutonica, war also der Bibliotheksschreiber für die deutsche Sprache (ein Jahr später auch für die griechische Sprache). Kein anderer deutscher Archäologe nach ihm konnte eine solch geradezu einzigartige Karriere aufweisen. Neben diesen Dienstobliegenheiten musste Winckelmann auch den profunden Rom-Führer für prominente Herrschaften geben, die Rom auf ihrer Grand Tour besuchten. Eine enge Beziehung verband ihn dabei mit dem jungen Fürsten Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740–1817), der 1765/66 mit seinem Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff (1736–1800) in Italien Anregungen für sein Schloss und sein Gartenreich Dessau-Wörlitz suchte. Winckelmann war von der Aufmerksamkeit, die man ihm entgegenbrachte, so eingenommen, dass er die Dessauer „Reisetruppe“ sechs Monate lang zu den wichtigsten antiken Stätten der Ewigen Stadt begleitete.

In diesen Jahren arbeitete Winckelmann intensiv an seinem Hauptwerk, der berühmten Geschichte der Kunst des Alterthums. Die erste Auflage erschien 1764 in Dresden, doch Winckelmann arbeitete auch danach an dieser Kunstgeschichte weiter und veröffentlichte bereits drei Jahre später die Anmerkungen über die Geschichte der Kunst des Alterthums. Mit seinem Werk wollte Winckelmann Maßstäbe setzen, den Versuch eines „Lehrgebäudes“ unternehmen, und tatsächlich vollzog er damit die Abkehr von der Kunstgeschichte als Künstlergeschichte. Ihm ging es vielmehr um die historische Entwicklung der antiken Kunst, die er mit dem alten Ägypten beginnen lässt und bis zur römischen Kunst verfolgte. Am Beispiel antiker Werke analysierte er die stilistische Entwicklung (mit Vorstufen, Höhepunkt und Verfall) und eröffnete mit seiner Herangehensweise an Archäologie und Bildende Kunst eine ganz neue Wissenschaft, die Kunstwissenschaft. Die Geschichte der Kunst des Alterthums ist eines der einflussreichsten Werke des 18. Jahrhunderts nicht nur in deutscher Sprache – bereits 1766 erschien eine französische Übersetzung. Es gab aber auch kritische Stimmen; so wand sich beispielsweise Johann Gottfried Herder (1774–1803) gegen Winckelmanns Verabsolutierung des griechischen Schönheitsideals, und Denis Diderot (1713–1784) sprach von einem harmlosen, liebenswerten „Fanatiker der Alten“ mit marottenhaften Zügen und einer „zerstörerischen Ausschließlichkeit“.

Winckelmann brach 1768 zu einer lange geplanten Reise nach Deutschland auf, wo er viele Freunde aufsuchen wollte, unter anderem in Leipzig Adam Friedrich Oeser oder in Dessau Franz Fürst von Anhalt-Dessau. Von zahlreichen Institutionen und hochgestellten Persönlichkeiten hatte der inzwischen berühmte Altersforscher ebenfalls offizielle Einladungen erhalten. Begleitet von dem römischen Bildhauer Bartolomeo Cavaceppi (1716–1799) verließ er am 10. April 1768 Rom. Aber bereits beim Durchqueren der Tiroler Alpen erkrankte der sensible Winckelmann; Depressionen stellten sich ein und er wollte nach Rom zurück. Cavaceppis Überredungskünste reichten noch bis Regensburg. In Wien wurde Winckelmann noch von der Kaiserin Maria Theresia empfangen, die ihm bei einer Privataudienz zwei goldene und zwei silberne Gedenkmedaillen in Anerkennung seiner Verdienste überreichte. Nach einem Fieberanfall und Krankenhausaufenthalt hatte Winckelmann nur noch ein Ziel: sein geliebtes Italien. Allein reiste er nach Triest, wo er hoffte, per Schiff bis Ancona und dann auf dem Landweg nach Rom zu gelangen. In der Hafenstadt logierte Winckelmann inkognito und freundete sich mit seinem Zimmernachbarn Francesco Arcangeli an, einem 38jährigen Koch mit krimineller Vergangenheit. Dieser steckte in Geldnöten und hatte es wahrscheinlich auf die kaiserlichen Gedenkmünzen abgesehen. Er kaufte sich Messer und Strick. Am 8. Juni 1767 überfiel er Winckelmann in seinem Zimmer und verletzte ihn mit Messerstichen so schwer, dass dieser sechs Stunden später starb. Bereits am 20. Juli, wenige Wochen nach der Tat, wurde Arcangeli öffentlich hingerichtet – als Raubmörder, wie es im Urteil heißt. Winckelmann selbst wurde in einem Massengrab beigesetzt; erst 1827 errichteten Privatleute ihm auf dem Friedhof San Giusto in Triest ein klassizistisches Kenotaph.

Die Gerüchte um Winckelmanns tragischen Tod sind bis heute nicht verstummt. Befanden sich vielleicht geheime Depeschen vom Habsburger Hof in seinem Gepäck? Oder hatte die Tat etwas mit seiner Homosexualität zu tun, die allgemein bekannt war? Daher nimmt es nicht Wunder, dass der mysteriöse Mordfall mehrfach auch als literarische Vorlage diente – unter anderem in Heinrich Alexander Stolls Tod in Triest (1968), Joachim Lindners Mordfall W. (1978) oder jüngst Dominique Fernandezʼ Winckelmanns Tod in Triest (2017).

„Wie ein Donnerschlag bei klarem Himmel fiel die Nachricht von Winckelmanns Tode zwischen uns nieder“, berichtete Jahrzehnte später Goethe in seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit über die Tage im Frühsommer 1768. Sein gänzlich unerwarteter Tod steigerte die Verehrung noch und vielfach wurde er sogar als Ideengeber für die Französische Revolution gesehen. Nochmals Goethe in Winckelmann und sein Jahrhundert (1805): „ein neuer Kolumbus, (der) ein lange geahndetes, gedeutetes und besprochenes, ja man kann sagen, ein früher schon gekanntes und wieder verlornes Land (entdeckt hat)“. Selbst die französische Schriftstellerin Germaine de Staël (1766–1817) schwärmte in ihrem Werk Über Deutschland (1813): „doch bleibt Winckelmann derjenige, von dem in Deutschland eine wahre Revolution, in der Art, die Kunst, und durch die Kunst die Literatur, zu betrachten, ausging.“ Im 19. Jahrhundert setzte dann ein wahrer Winckelmann-Kult ein; er wurde regelrecht zum „Messias“ der deutschen Kunst stilisiert. So prägte die zweibändige (3 Teile, über 1.200 Seiten umfassende) Biografie Winckelmann – Sein Leben, sein Werk und seine Zeitgenossen (1866–1872, 5. Auflage 1953) des Philosophen und Kunsthistorikers Carl Justi (1832–1912) bis weit ins 20. Jahrhundert das Winckelmann-Bild. Eine Neuauflage dieses meisterhaften Klassikers wäre wünschenswert. Der sozialdemokratische Publizist Franz Mehring (1846–1919) sah in Winckelmann sogar ein „Wiedererwachen der geistigen Bildung“ und die humanistische Fortführung eines Erasmus von Rotterdam nach den fast ein Jahrhundert andauernden Folgen des Dreißigjährigen Krieges. Heute wird Winckelmanns Rolle neu überdacht und relativiert, ohne jedoch seine Bedeutung als Wegbereiter des Klassizismus in Deutschland und darüber hinaus seine internationale Wirkung in Frage zu stellen.

Anlässlich des Winckelmann-Doppeljubiläums (300. Geburtstag 2017 und 250. Todestag 2018) gab und gibt es zahlreiche Veranstaltungen und Ausstellungen, die sich Winckelmanns Wirken, seinem beachtlichen Einfluss auf die europäische Geistesgeschichte und seinem Andenken widmen. Den Auftakt bildete eine Festwoche vom 3. bis 9. Dezember 2017, unter anderem mit Konzerten, Bühnenstücken und Vorträgen, die gemeinsam von der Winckelmann-Gesellschaft mit der Hansestadt Stendal veranstaltet wurde. Von den stattgefundenen Ausstellungen seien nur erwähnt: Winckelmann. Moderne Antike vom 7. April bis 2. Juli 2017 im Neuen Museum Weimar oder Ideale. Moderne Kunst seit Winckelmanns Antike vom 18. März bis 10. Juni 2018 im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale).

Auch einige Publikationen sind erschienen. Unter dem Titel Die Kunst der Griechen mit der Seele suchend (Verlag Philipp von Zabern) versammelte der Herausgeber und Archäologe Friedrich-Wilhelm von Hase einen Kreis von renommierten Spezialisten, um sich in über einem Dutzend Aufsätzen dem Leben, Werk und Wirken Winckelmanns anzunähern. Die unterschiedlichen Fachrichtungen zugeordneten Autoren kommen aus Deutschland, Italien und Griechenland. Entstanden ist ein exzellenter Bild-Text-Band, der mit seinen 15 instruktiven Beiträgen den Blick nicht nur in die Vergangenheit richtet, sondern auch auf die Zukunft der Klassischen Archäologie, und zu dem Resümee kommt, dass „Winckelmanns intellektuelles Erbe nichts von seiner Signifikanz und Aktualität als zentraler methodischer Kompass des Faches einbüßen wird.“ Eine reiche Auswahl von (meist historischen) Abbildungen sowie eine umfangreiche Bibliografie unterstützen das Anliegen der Publikation, Winckelmann aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.

Das Winckelmann-Handbuch (J.B. Metzler Verlag) präsentiert Leben und Werk Johann Joachim Winckelmanns auf dem Stand der aktuellen internationalen Forschung und eröffnet weiterführende Perspektiven. Dabei liegt Winckelmanns Werk, wie der Herausgeber Martin Disselkamp im Vorwort hinweist, im Schnittpunkt mehrerer wissenschaftlicher Disziplinen: der Archäologie, der Kunstgeschichte und der Literaturgeschichte. Neben dem handschriftlichen Nachlass hat sich die Forschung inzwischen auch den Quellen zugewandt, die Winckelmann selbst verwendet hat. Immerhin 28 renommierte Vertreter mehrerer Disziplinen aus unterschiedlichen Ländern leisteten ihren Beitrag zu diesem vielstimmigen Referenzwerk. So wechseln Überblicksdarstellungen mit Beiträgen ab, die bestimmte Aspekte beleuchten. Im Mittelpunkt steht jedoch Winckelmanns Werk sowie die Rezeption in Literatur, Kunst und Wissenschaft. Das Handbuch, das sich auch an Nichtspezialisten richtet, wird durch Abbildungen, Autoren-Kurzbiografien, Bibliografien und Register abgerundet.

Zwei repräsentative Ausgaben (gebunden in Leder und Leinen) von Winckelmanns Hauptwerk Geschichte der Kunst des Alterthums erschienen Anfang des Jahres im Verlag wbg Academic – allerdings nur für Mitglieder. Bereits 2016 brachte der Hamburger Männerschwarm Verlag das Winckelmann-Lesebuch Das Wunder Winckelmann. Ein Popstar im 18. Jahrhundert heraus, das neben Originaltexten und Briefen mit seinen weiteren Textbeiträgen versucht, „ein Bild Winckelmanns zu projizieren anhand der Reaktionen, die er in anderen hervorrief“ (unter anderen Casanova, Herder, Goethe oder Gerhart Hauptmann). Schließlich sei noch auf den Ausstellungskatalog Winckelmann. Moderne Antike aus dem Hirmer Verlag zu der Weimarer Ausstellung hingewiesen, der neben den 230 Abbildungen mit seinen Essays Winckelmanns revolutionäres Werk zwischen Antike und Moderne neu beleuchtet.

Titelbild

Friedrich-Wilhelm Hase (Hg.): Die Kunst der Griechen mit der Seele suchend. Winckelmann in seiner Zeit.
Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt 2017.
144 Seiten, 39,95 EUR.
ISBN-13: 9783805350952

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Martin Disselkamp / Fausto Testa (Hg.): Winckelmann-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung.
Mit 39 Abbildungen.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2017.
374 Seiten, 99,95 EUR.
ISBN-13: 9783476024848

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Joachim Bartholomae (Hg.): Das Wunder Winckelmann. Ein Popstar im 18. Jahrhundert.
MännerschwarmSkript Verlag, Hamburg 2016.
208 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783863002206

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Wolfgang Holler / Elisabeth Décultot / Martin Dönike / Thorsten Valk / Claudia Keller / Bettina Werche (Hg.): Winckelmann. Moderne Antike.
Hirmer Verlag, München 2017.
376 Seiten, 45,00 EUR.
ISBN-13: 9783777427560

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch