In achtzig Jahren um die Welt
Wie alle ihre Bücher sind auch Margaret Atwoods Memoiren „Book of Lives“ in vielfacher Hinsicht lesenswert
Von Rolf Löchel
Weltweit berühmt geworden ist Margaret Atwood vor allem durch The Handmaid’s Tale. Und das nicht einmal wegen des bereits 1985 erschienenen Romans, sondern aufgrund seiner gut dreißig Jahre später erfolgten Serien-Verfilmung. Nun ist dieser Ruhm zwar mehr als verdient, doch wird er ihrem Schaffen kaum gerecht. Denn in dem halben Jahrhundert ihrer schriftstellerischen Aktivität hat die kanadische Autorin weit mehr geleistet, als eine damals abwegig erscheinende Dystopie zu schreiben, die nach einigen Jahrzehnten plötzlich brennend aktuell ist. Ihr umfangreiches Œuvre umfasst nicht nur weitere in der Zukunft angesiedelte Romane, die von der Autorin nicht als Science-, sondern als Speculative Fiction bezeichnet werden, wie etwa die unter dem Titel Die Zeuginnen erschienene Fortsetzung des Reports der Magd oder die MaddAddam-Trilogie (siehe hier und hier), sondern auch zahlreiche andere, teilweise ebenfalls verfilmte Romane unterschiedlicher Genres. Hinzukommen verschiedene Erzählungen, Lyrikbände und Essaysammlungen, von denen zuletzt der Band Brennende Fragen erschien. Ebenfalls sehr lesenswert ist ein ausführliches Gespräch, das sie 2018 mit Caspar Shaller führte. Selbst einen Comic hat Atwood einmal vor langen Jahren unter dem Pseudonym Bart Gerrad veröffentlicht. In seinem Mittelpunkt steht eine „Antisuperheldin namens Survivalwoman“.
Sowohl der genannte Essayband als auch das Gespräch bieten zahlreiche Einblicke in Atwoods Leben und literarisches Wirken. Weit überboten werden sie nun allerdings von ihren gut 750 Seiten umfassenden Memoiren. Eine „literarische Autobiografie“, in der Atwood nicht etwa „nur die Abfolge der Ereignisse“, die ihr „in der physischen Welt widerfahren sind“, beschreibt, sondern die „auch das Protokoll einer inneren Reise“ bietet. Denn „Memoiren zu schreiben, bedeutet sicher immer auch: in Schubladen zu wühlen, und die Ablagerungen früherer Ichs hervorzuzerren, an die man sich nicht erinnern wollte und die man lieber nicht wiederentdeckt hätte“. Gemeinsam ist den äußeren Ereignissen und der inneren Reise, dass sie nie auf ein bestimmtes Ziel zusteuerten, sondern voller „seltsame[r] Begebenheiten […], boshafte[r] Zwischenfälle, merkwürdige[r] Träume[], Gespräche, freudige[r] Momente, Gespenster, dumme[r] Fehler und Katastrophen“ sind.
Ihrem Lebensweg folgt Atwood von frühester Kindheit an streng chronologisch. Dabei sind schon ihre Erinnerungen an die ersten Lebensjahre überaus detailliert und voller kleiner, scheinbar belangloser Erlebnisse und Begebenheiten, die in ihrer Gesamtheit aber viel über sie und ihre Familie verraten. Ebenso kleinteilige und erstaunlich genaue Ausführungen über ihr späteres Leben lassen vermuten, dass Atwood ihre Memoiren mithilfe von Tagebüchern verfasst hat. Denn niemand dürfte imstande sein, sich an all das so genau zu erinnern. Aber wie aus den Memoiren hervorgeht, hat sie erst 1984 angefangen, Tagebuch zu führen. Vermutlich halfen ihr stattdessen Gespräche, Fotos und Briefe bei der Erinnerung an die vorangegangenen Jahrzehnte. Atwood scheint bei der Niederschrift ihrer Memoiren gelegentlich auf frühere ihrer nichtfiktionalen Publikationen zurückgegriffen zu haben. Zumindest kommen dem Rezensenten einige Passagen bis in den Wortlaut hin bekannt vor. Jedenfalls behält die Autorin diese Erzählweise voller genaustens beschriebener Situationen, Anekdoten, Begegnungen und Begebenheiten über die mehr als acht Jahrzehnte ihres bisherigen Lebens hinweg bei. Vielleicht hat sie sich dabei auch manches Detail ausgedacht. So schreibt sie etwa über eine Situation in den 1960ern: „Ich löffelte gerade etwas Instant-Mac-and Cheese zum Frühstück, als das Telefon klingelte.“
Jedenfalls wurden etliche der Fotos aus ihrem Familienalbum in den Band aufgenommen, ebenso eine Reihe Zeichnungen, ein Strip aus dem erwähnten Comic, einige Gedichte und dann und wann eine „Lebenslektion“ sowie gegen Ende des Buches drei oder vier Dialoge mit der „innere[n] Ratgeberin“ der Autorin.
Atwood war eine zwar einfache, aber offenbar ausgesprochen glückliche und naturverbundene Kindheit in Ontarios borealen Wäldern an den Ufern der Großen Seen vergönnt, während der ihre Familie in schlichten, vom Vater selbst zusammengezimmerten Hütten oder gelegentlich sogar Zelten lebte und sich größtenteils aus eigenem Anbau versorgte. Zweifellos weiß Atwood, wovon sie spricht, wenn sie konstatiert: „Man hat das Waldleben nicht wirklich erlebt, wenn man nicht einmal jede Menge Blaubeerkuchen ins Plumpsklo erbrochen hat“.
In ihrer Kindheit und Jugend unternahm die Heranwachsende mit ihrem Vater Carl zahlreiche Ausflüge, um Insekten und Krabbelgetier zu beobachten, denn immerhin war ihr Vater ein angesehener Entomologe. Ihr Bruder interessierte sich hingegen eher für Schlangen, die in der Region offenbar harmlos sind. Die Begeisterung für die Tierbeobachtung würde Atwood Jahrzehnte später mit ihrem Lebenspartner, dem Ornithologen, Schriftstellerkollegen und Naturschützer Graeme Gibson, ebenso leidenschaftlich betreiben wie ehedem mit ihrem Vater. Allerdings richtete ihre Passion sich nun nicht mehr auf Insekten, sondern auf Vögel. Somit teilte Atwood jeweils die Leidenschaft des Mannes, der ihr am nächsten stand. Auch durchstreifte das Paar nun nicht nur die nähere Umgebung, um die Tiere zu beobachten, sondern die ganze Welt bis hinunter nach Australien. So ist es sicher nicht übertrieben, wenn Atwood betont, dass sich die Bedeutung, die Vögel im Leben des Paares spielten, „kaum überschätzen [lässt] – im Kleinen wie im Großen“.
Überhaupt kommt Atwood erstaunlich viel in der Welt herum; nicht nur, um Vögel zu beobachten, sondern natürlich auch auf Lesereisen, aufgrund von Lehraufträgen oder ihres menschenrechtlichen Engagements wegen, denn 1970 trat sie Amnesty International bei. Es lässt sich wohl sagen, dass Atwood in ihren bisher gut 80 Jahren mehrmals um den Globus reiste.
Zahlreicher noch als ihre Reisen sind die von Atwood erwähnten FreundInnen, Bekannte, schriftstellernde KollegInnen und MitarbeiterInnen aus dem Literaturbetrieb wie etwa „Phoebe-die-Agentin“, die offenbar auch so etwas wie eine lebenslange Freundin wurde. Bei all dem betreibt die Autorin kein Namedropping, denn kaum einmal lässt sie eine namhafte Person auftreten, mit deren Bekanntschaft sie renommieren könnte. Das hat sie natürlich auch gar nicht nötig, denn schließlich zählt sie selbst zu den angesehensten SchriftstellerInnen des Planeten. Zudem gibt es „tatsächlich etwas Lächerliches an Berühmtheit“, die „aber immer noch besser [ist] als die Alternative, nämlich einen Arbeitgeber zu haben“, versöhnt sie sich mit ihrem eigenen Ruhm. Lieber erinnert sie sich allerdings an verschiedene ihrer skurrilen Ideen. So etwa daran, dass sie sich „bei einem römisch inspirierten Kostümball in Harvard […] einst als Kleopatras Brust verkleidet“ hatte.
Einen solchen Humor hat sie sich ihr Leben lang bewahrt. So erzählt Atwood auch in ihren Memoiren von Geschehnissen und Menschen oft leicht ironisierend, sehr wohl auch einmal kritisch, nie aber gehässig. Leute, die sie schlecht behandelten oder von denen sie sich schlecht behandelt fühlte, ruft sie in ihren Memoiren zu: „Ich kenne eure Namen, werde sie hier aber nicht nennen, denn es ist lange her, und wahrscheinlich seid ihr ohnehin tot.“ Einen Namen aber nennt sie doch, und zwar ziemlich oft: den der geschiedenen Ehefrau von Graeme, auf die sie wirklich ausgesprochen schlecht zu sprechen ist. Eine Abneigung, die offenbar beiderseitig war.
Überraschen mag vielleicht, dass Atwood offenbar eine esoterische Ader hat. Immer wieder berichtet sie davon, dass sie Tarotkarten gelegt hat oder gelegt bekam, was Handlesen über die Zukunft eines Menschen verrät und welche Bedeutung die Sternenkonstellation bei der Geburt hat. Das klingt zwar immer so, als glaube sie ganz ernsthaft daran. Aber man kann sich doch nicht des Eindrucks erwehren, dass sie dabei leicht mit ihrem dritten Auge zwinkert.
Zeitgeschehen, wie etwa die Terroranschläge auf die Twin Towers 2001, die Wahl und Wiederwahl Trumps oder die Corona-Pandemie kommen zwar vor, nehmen aber nicht übermäßig viel Raum ein. Auch die #MeToo-Bewegung kommt eher am Rande vor. Dabei hat Atwood, wie vermutlich so ziemlich alle, jedenfalls aber viel zu viele Frauen sexuelle Belästigungen und Übergriffe erlebt. Als Studentin wurde sie von einem Professor einmal „quer durch das Büro [gejagt], vermutlich auf Grundlage des allgemeinen Prinzips, dass junge Lyrikerinnen nur einen halben Schritt von rasenden Mänaden entfernt seien und bereitwillig Sex mit Dackeln sowie mit mittelalten Männern wie ihm hätten“. Sehr viel größeren Raum nehmen jedoch ihre Erinnerungen an die Literatur- und Kulturszene Kanadas etwa in den 1960ern ein.
Auch flicht Atwood immer wieder Reflexionen ein. So beispielsweise über SchriftstellerInnen, die eine „Mischung“ aus „Polizist“ und „Betrüger“ seien, oder über Geschlechterverhältnisse und das Wesen von Männern und Frauen, wobei sie letztere keineswegs idealisiert. „Wer glaubt, dass Frauen von Natur aus gut sind, dass Mädchen netter sind und das alles Sadistische, was sie tun, nur ein Resultat des ‚Patriarchats’ sei, hat entweder sehr viel vergessen oder war nie ein neunjähriges Schulmädchen“. Was ihre Partnerschaft mit Graeme betrifft, so scheint diese nicht frei von einer traditionellen ‚Arbeitsteilung’ der Geschlechter gewesen zu sein. Wenn sich ihre Tochter langweilte, ging ihr vor einigen Jahren verstorbener Partner „allein auf Vogelsuche, und ich machte Kinderprogramm“.
Natürlich denkt Atwood auch über Utopien nach, die ihr zufolge notwendigerweise an zwei Dingen scheitern müssen: am Geld und an der Frage: „Was tun mit denen, die nicht mitmachen wollen“.
Nicht ganz so ausführlich wie auf ihren ereignisreichen Lebensweg geht sie auf die Vor-, Entstehungs- und gegebenenfalls Erfolgsgeschichte ihrer Bücher und deren Inhalte ein. Doch widmet sie ihren Erzählbänden und Romanen immerhin einige Kapitel, in denen sie etwa darüber informiert, welche Kriterien bei der Namensgebung ihrer Figuren eine Rolle spielen. So tragen alle Tanten im Report der Magd „Namen von Produkten, die sich an Frauen richten“. Schreibblockaden scheint sie nicht zu kennen, denn „nichts“, sagt sie, sei „so anregend wie ein leeres Blatt Papier“.
Atwoods Memoiren sind oft amüsant, gelegentlich traurig, nie aber larmoyant und in jedem Fall der Lektüre wert; auch für Leute, die sich bislang nicht für sie und ihr Werk interessieren.
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