Mörderische Ich-Erzählerin
Mit dem Band „Jenseits der Grenzen“ wird die lesenswerte Werkausgabe der feministischen Science Fiction-Autorin Joanna Russ abgeschlossen
Von Rolf Löchel
2024 nahm der auf Science Fiction spezialisierte Carcosa Verlag eine dreibändige Ausgabe literarischer und nonfiktionaler Werke einer der wichtigsten US-amerikanischen SF-AutorInnen in Angriff, die nicht nur, aber vor allem durch ihren feministischen Roman The Female Man bekannt wurde. Mit In fernen Gefilden und Erwachende Welten erschienen noch im gleichen Jahr die ersten beiden Bände und schon im folgenden wurde das Vorhaben mit dem dritten Band Jenseits der Grenzen abgeschlossen.
Er konzentriert sich auf das Spätwerk der Autorin und enthält ihren Roman Die Todgeweihten… (Originaltitel We who are about to…), die beiden Kurzgeschichten Seelen (Souls) und Körper (Bodies) sowie eine Reihe von Sammelrezensionen und als Abschluss den Essay Pornografie von Frauen für Frauen, mit Liebe (Pornography by Women for Women, with Love).
Die drei literarischen Texte sind, wie eigentlich alle fiktionalen Werke von Russ, stilistisch und inhaltlich geradezu exzeptionell. Handlungszeit des 1976 erstmals veröffentlichten Romans ist das Jahr 2040, in dem es nicht unüblich ist, sich „ein Kind zu kaufen“ oder „Leute zu mieten“. Für die Geschichte selbst spielt das allerdings keine Rolle. Denn die nicht mehr als acht Figuren, drei Männer, vier Frauen und ein zwölfjähriges Mädchen, stranden gleich zu Beginn auf einem unbekannten, jedoch erdähnlichen Planeten, auf dem es allerdings nur Pflanzen gibt.
Hilfe ist nicht in Sicht, nicht einmal eine Kontaktaufnahme zur Heimat ist möglich. Die Vorräte reichen nur für einige Wochen und es ist unklar, ob irgendetwas auf dem Planeten genießbar ist. Dennoch entwerfen die Männer sogleich einen Plan, wie sie sich fortpflanzen können, um den Planeten dauerhaft zu besiedeln und das Fortbestehen der Menschheit auch dort zu gewährleisten. Dazu, so überlegen sie sich, sollen die Frauen nach einem bestimmten System beschlafen werden.
Keine der Figuren hat auch nur das geringste Potenzial zur SympathieträgerIn. Vielmehr „[steht] allen […] ins Gesicht geschrieben: Hier und jetzt ist alles erlaubt.“ So dauert es auch nicht lange, bis einer der Männer eine der Frauen verprügelt. Auch zeigt sich schnell, dass das Vorhaben der Männer Unsinn ist. Stattdessen sterben alle Gestrandeten der Reihe nach, meist von Hand der Ich-Erzählerin, die als letzte in einer Höhle überlebt und sich dort langsam verhungernd zu Tode langweilt. Sie ist auch die Einzige, der von Anfang an klar war, dass sie alle eher über kurz als über lang dem Tod geweiht sind.
Vom ersten Tag auf dem Planeten an hält sie das Geschehen auf ihrem Vocoder fest, bei dem es sich offenbar um einen Voice-Recorder handelt. Diese Aufzeichnungen bilden den Text des Romans. Zunächst macht sie tägliche Aufnahmen, später zunehmend seltener. Auch ändern sich ihre ‚Eintragungen’. Hält sie in der ersten Zeit zu Beginn jeder Aufzeichnung noch fest, am wievielten Tag des Aufenthaltes auf dem Planeten sie spricht, so verliert sie später „jegliches Zeitgefühl“.
Doch hält sie nicht nur die Ereignisse des jeweiligen Tages fest, sie denkt auch öfter über (ihren) Tod und (ihr) Sterben nach. Dabei lässt Russ sie gelegentlich bekannte Zitate paraphrasieren. So sagt sie einmal: „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.“ Ein Gedanke, der von Epikur bereits im vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung etwas eloquenter so formuliert wurde: „Der Tod geht uns nichts an. Denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht.“
Irgendwann beginnt die letzte Überlebende, die den größten Teil der Geschichte alleine ist, vor Langeweile längere Episoden aus ihrer Vergangenheit auf den Vocoder zu sprechen. Wobei sie einmal erklärt, sie werde „hier und jetzt die Geschichte der neo-christlichen Bewegung schreiben“, was insofern merkwürdig beziehungsweise unstimmig ist, als sie ja nicht schreibt, sondern spricht. Allerdings werden ihre Aufzeichnungen gegen Ende hin überhaupt öfter etwas verwirrt. Zudem beginnt sie zu halluzinieren und glaubt, ihre toten Mitgestrandeten zu sehen. Dennoch ist sie nicht das, was gemeinhin als ‚unzuverlässige ErzählerIn’ bezeichnet wird.
Nicht erst auf den letzten Seiten des Romans zieht sich die Lektüre für die Lesenden ebenso lange hin wie ihr Sterben für die Protagonistin. Das ist keineswegs kritisch gemeint, sondern liegt ganz offenbar in der Absicht der Autorin.
Schon bald nach seinem Erscheinen wurde der Roman als Gegenentwurf zu den damals in der gängigen, also von Männern verfassten Science Fiction beliebten heroischen Kolonialisierungsgeschichten fremder Welten erkannt, in denen ihre heldenhaften Geschlechtsgenossen im Zentrum standen. Auch Parallelen zu William Goldings Lord of the Flies sind offensichtlich. Jeanne Cortiel weist in ihrem erhellenden Nachwort zudem auf Parallelen zu Mary Shelleys letztem Zukunftsroman The Last Man hin. Obgleich nur aus der Ferne, so erinnert Die Todgeweihten allerdings auch an Marlen Haushofers Roman Die Wand. Ungeachtet dieser Ähnlichkeiten ist Russ mit den Todgeweihten ein überaus originelles Stück Science Fiction gelungen.
Wie schon die Titel der beiden Kurzgeschichten Seelen und Körper vermuten lassen, sind beide miteinander verknüpft. So nahm Russ sie denn auch in ihre Anthologie Extra(Ordinary) People auf. Allerdings haben Setting und Handlung der beiden Stories kaum etwas miteinander gemein. Wie Cortiel im Nachwort darlegt, bilden die Stories vielmehr „Gegenpole“ zueinander. Die Handlung von Seelen ist in einer Art europäischem Mittelalter angesiedelt. Als Ich-Erzähler fungiert ein Mann, der sich daran erinnert, wie er in einem Kloster als „Laufbursche“ und „Ziehsohn“ der dortigen Äbtissin aufwuchs, die über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügte. So konnte sie schon im Alter von zwei Jahren Latein lesen. Vor allem aber verstand sie es, Menschen zu beeinflussen. Auch glaubte sie offenbar nicht an Gott, jedenfalls nicht an Reliquien, was für einen Menschen ihrer Profession doch eher ungewöhnlich ist. Eines Tages wurde das Kloster von „Nordmännern“ überfallen, bei denen es sich ihren Schiffen nach zu urteilen um Wikinger handelte. Auch ihnen gegenüber verhielt sich die Äbtissin nicht, wie es von der Vorsteherin eines Klosters gemeinhin zu erwarten wäre. Als der Anführer der marodierenden Bande ihre Bitte, die Nonnen nicht zu vergewaltigen, mit den Worten „meine Männer waren schon lange ohne Frauen“ abschlug, antwortete sie etwa: „Habt ihr verlernt, eure Hände zu benutzen?“. Trotz der Bitte und dem ruhigen und gelassenen Verhalten der Äbtissin plünderten die Männer das Kloster, vergewaltigten die Nonnen und ermordeten so ziemlich alle, deren sie habhaft werden konnten. Schließlich aber wurde ihr Anführer durch die mysteriösen Kräfte der Äbtissin ganz überraschend zu einem guten Menschen. Es war dies ihre Art von Rache. Am Ende der Story vereinigt sie sich mit geisterhaften Wesen, bei denen es sich um Aliens handeln könnte. Die Geschichte ist – nicht nur, aber auch – als Parabel auf die Geschlechter- und Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen zu lesen.
Die Ich-Erzählerin von Körper wiederum lebt eigentlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also zu „einer Zeit und an einem Ort […], als die Sache zwischen Männern und Frauen das entscheidende Tabu war“, sieht sich jedoch unvermittelt in eine ferne Zukunft versetzt, in der nicht zwischen Männer und Frauen unterschieden wird, denn „niemand denkt mehr in solchen Kategorien“. Wohlgemerkt, Russ hat diese Geschichte schon Anfang der 1980er Jahre veröffentlicht, also lange vor der Infragestellung (der Relevanz) des biologischen Geschlechts von Seiten diverser queerer Fraktionen und auch lange vor Judith Butlers These von der sozialen Konstruktion auch des biologischen Geschlechts. Das Thema Geschlecht(erverhältnisse) ist eine der Klammern, die die beiden Kurzgeschichten verbinden.
In den Rezensionen des Bandes befasst sich Russ einmal mehr mit Werken ihrer feministischen Kolleginnen. Marge Piercys Roman The High Cost of Living wird etwa als „eine beeindruckende Leistung“ gewürdigt. Heftige, vielleicht allzu heftige Kritik übt Russ hingegen an Charlotte Perkins Gilmans feministischer Utopie von 1915, die zwar „eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit den US-amerikanischen feministischen Utopien der letzten zehn Jahre“, also der 1970er und 80er, aufweise, im Unterschied zu diesen jedoch heterosexistisch, rassistisch und „ohne jede Erotik“ sei. Zumindest letzteres ist zutreffend. Ebenso, dass Gilman eine „unverhohlene Rassistin“ war. Wiederum großes Lob erfährt Ursula Le Guins „brillante Geschichte“ The Pathway of Desire, die zuletzt in der deutschsprachigen Anthologie Der Tag vor der Revolution in neuer Übersetzung erschienen ist.
In einem weiteren Text verteidigt Russ die Profession der Literaturkritik gegen Kritik, zumal diejenige, die sich mit Werken der SF befasst. Sowohl Literatur wie auch deren Kritik seien „Kunstform[en]“ die „handwerkliche Fähigkeiten“ verlangen, ohne dass dies offensichtlich sei. Daher seien „manche Meinungen in Bezug auf Literatur […] eben doch mehr wert als andere“. In wieder einem anderen ihrer nichtfiktionalen Texte erklärt Russ, dass sie es für „ein von vorneherein zweifelhaftes Unterfangen“ hält, „als männlicher Autor zu versuchen, einen feministischen Standpunkt einzunehmen“.
Der Titel ihres längeren Essays Pornografie von Frauen für Frauen, mit Liebe ist geeignet, falsche Erwartungen zu wecken. Denn Russ macht sich in dem Text vor allem für jene Fanfiction der sich selbst Trekkies nennenden Star-Trek-Fans stark, die gerne und oft eine homosexuelle Liebesbeziehung zwischen Captain Kirk und Spock erfinden. Unter Trekkies sind ihre Erzeugnisse als K/S-Literatur bekannt, die in K/S-Zines erscheint – ein Subgenre der Fanfiction, von dem Russ hellauf begeistert ist. Eher am Rande erklärt sie mit Hinblick auf Pornografie, „dass Stoffe, die ausdrücklich als sexuell aufreizend präsentiert werden und als nichts anderes, möglicherweise weniger gefährlich sind als Stoffe, die so präsentiert werden, als handele es sich um durchdachte und komplexe Schilderungen des realen Lebens“. Jedenfalls seien es nicht „Porno-Hefte“, die ihr „Angst mach[en]“, sondern „die Angewohnheit des US-amerikanischen Mainstreams, Sex durch Gewalt zu ersetzen und das Ergebnis als ‚echtes Leben‘, und sogar als ‚Anstand’ auszugeben.“
Ungeachtet der einen oder anderen fragwürdigen Aussage wartet der letzte Band der Werk-Ausgabe ebenso wie die beiden vorangegangenen mit wunderbaren literarischen und leichtfüßig, aber durchaus tiefgründig geschriebenen nonfiktionalen Texten auf. Bedauerlich ist nur, dass die Reihe mit dem vorliegenden dritten Band bereits abgeschlossen ist. Denn es gibt noch so viele großartige Texte der 2011 verstorbenen Autorin, die weitere gerechtfertigt hätten. Der SF-Roman The Two of Them etwa oder die Essays How to Suppress Women’s Writing und What Are We Fighting For?: Sex, Race, Class, and the Future of Feminism.
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