Ein Dichter, der heute durch seinen gewaltsamen Tod bekannter ist als für sein Leben und Werk

Zum 200. Todestag von August von Kotzebue

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vor 200 Jahren, am 23. März 1819, wurde der Schriftsteller, Staatsmann und Journalist August von Kotzebue von dem Theologiestudenten und Burschenschaftler Carl Ludwig Sand (1795–1820) durch mehrere Messerstiche ermordet. Ohne dieses politisch motivierte Attentat wäre Kotzebue wohl längst vergessen – dabei war er am Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts der mit Abstand erfolgreichste deutschsprachige Dramatiker seiner Zeit und das über einen Zeitraum von 30 Jahren hinweg. Es gab in Deutschland keine Theaterbühne, die nicht den Hauptteil ihres Repertoires mit seinen Stücken bestritt. Selbst Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller konnten, was die Bekanntheit und Beliebtheit betraf, Kotzebue nicht das sprichwörtliche Wasser reichen. Wie kam es nun dazu, dass „das eigentliche Theatertalent der Deutschen“ (Friedrich Nietzsche) heute völlig in Vergessenheit geriet?

Geboren wurde August Friedrich Ferdinand von Kotzebue am 3. Mai 1761 in Weimar im sogenannten „Gelben Schloss“, das 1703/04 als Witwensitz für die Herzogin Charlotte Dorothea Sophie (1672–1738) umgestaltet worden war. Später diente es als Wohnsitz für Hofbeamte des Weimarer Hofes. Der Vater, Levin Carl Christian Kotzebue (1727–1761), war zunächst Kanzleisekretär und später herzoglich-sächsischer Legationsrat. Außerdem hatte die spätere Herzogin Anna Amalia ihn nach dem Tod ihres Gemahls Herzog Ernst August II. Constantin (1737–1758) zum „Geheimen Referendär“ berufen. Er verstarb jedoch 34-jährig im Geburtsjahr des jüngsten Sohnes und hinterließ drei Kinder: Carl Ludwig Anton (1758–1832), Karoline Amalie (1759–1854) und August Friedrich Ferdinand.

Der Tod des Vaters stellte die junge Witwe, Anna Christine von Kotzebue, geb. Krüger (1736–1828), vor schwere Probleme, trotzdem konnte sie ihren Kindern eine vergleichsweise unbeschwerte Kindheit bieten. Später verfolgte die Mutter, die ihren jüngsten Sohn um neun Jahre überleben sollte, stets mit Interesse seinen Lebensweg, aber auch mit Sorge seine Unbesonnenheit und seinen Starrsinn. (Der Briefwechsel gibt darüber Auskunft.)Einer seiner Lehrer war sein Onkel, der Philologe und Märchendichter Johann Carl August Musäus (1735–1787), der die literarische Begabung seines Zöglings entdeckte. Der junge Kotzebue schätzte ihn so sehr, dass er nach dessen Tod den Nachlass herausgab. Eine wichtige Inspiration für den Jungen waren die Theateraufführungen der Schauspielertruppen, die das Weimarer Schlosstheater bespielten. Goethe, der 1775 von Herzog Carl August (1757–1728) in die Residenzstadt geholt wurde, war gelegentlich Gast im Hause Kotzebue, was sicher Eindruck bei dem Heranwachsenden hinterließ. So konnte er in Goethes Einakter Die Geschwister (1776) neben dem Autor auftreten.

Von 1777 bis 1778 studierte Kotzebue Jura in Jena, wobei er nur halbherzig das Studium betrieb, denn er war häufiger im Jenaer Studenten-Liebhabertheater als an der Universität anzutreffen. Hier entstanden bereits erste eigene Stücke. Nach der Verheiratung seiner Schwester nach Duisburg (1778), wechselte Kotzebue für ein Jahr an die dortige Universität, wo er ebenfalls ein Liebhabertheater gründete und sein Lustspiel Der Ring, oder Geiz ist die Wurzel allen Übels uraufgeführt wurde.

Nach der Rückkehr nach Jena schloss Kotzebue trotz seiner intensiven Theaterinteressen das Jura-Studium 1780 erfolgreich ab und ließ sich als Advokat in Weimar nieder. Die beruflichen Karriereaussichten waren hier jedoch nicht besonders gut. Durch die Vermittlung des Grafen Johann Eustach von Goertz (1737–1821), der Gesandter am russischen Hof in St. Petersburg war, trat Kotzebue 1781 in den russischen Staatsdienst ein. Ein Schritt, den Jahre zuvor schon die Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792) und Friedrich Maximilian Klinger (1752–1831) unternommen hatten. Zunächst war Kotzebue Sekretär des Generalingenieurs Friedrich Wilhelm von Bauer (1731–1783). Ein glücklicher Zufall wollte, dass sein Dienstherr auch Leiter des Deutschen Theaters in St. Petersburg war. Aufgrund der vielen Verpflichtungen, die Bauer hatte, übertrug er bald die Leitung inoffiziell an Kotzebue, der sich der Sache mit großem Engagement annahm. Neben einem deutschen Repertoire konnte er auch eigene Stücke (das Trauerspiel Demetrius, Zar von Moskau und das Lustspiel Die Nonne und das Kammermädchen (beide 1782)) auf die Bühne bringen. Außerdem versuchte er, Schauspieler aus Deutschland zu verpflichten. Mit der wirtschaftlichen Führung des Theaters war der junge Dramaturg Kotzebue allerdings meist überfordert.

Als jedoch sein Förderer Bauer 1783 starb, war diese Theaterarbeit schnell beendet und Kotzebue wurde nach Reval (heute Tallinn) versetzt – als Assessor am Oberappellationsgericht im neuerrichteten Gouvernement Reval. Zwei Jahre später wurde Kotzebue Präsident des Gouvernements-Magistrats der Provinz Estland. Mit dieser Beförderung war auch der Adelstitel verbunden. 1785 hatte er Friederike Julie Dorothea von Essen (1763–1790), die Tochter des Stadtkommandanten von Reval, geheiratet. Seine politischen und administrativen Verpflichtungen ließen Kotzebue jedoch genug Zeit und Muße, zahlreiche Stücke zu verfassen, die auf der Liebhaberbühne von Reval aufgeführt wurden. Besonders mit dem bürgerlichen Rührstück Menschenhaß und Reue (1788), in dem Moral, Sittenlosigkeit und schließlich Reue einer ehebrecherischen Baronin einhergingen, hatte er großen Erfolg. Es folgten schnell Aufführungen in Berlin (Nationaltheater), Hamburg, Mannheim, Hannover, Leipzig, Wien oder Weimar; aber auch auf europäischen Bühnen (London, Paris, Madrid, Moskau oder Kopenhagen) füllte es die Säle und selbst bis nach New York (1798) verbreitete sich Kotzebues Ruhm. Bis ins 19. Jahrhundert gehörte Menschenhaß und Reue zu den meistgespielten Stücken. Zudem wurde es in zahlreiche Sprachen übersetzt. Mit diesem bis dahin einmaligen Bühnenerfolg hatte Kotzebue den entscheidenden Durchbruch als Dichter geschafft.

Dieser frühe Aufstieg wurde jedoch durch ernsthafte Gesundheitsprobleme getrübt, sodass ihm sogar ein anderthalbjähriger Kuraufenthalt in Bad Pyrmont gewährt wurde. Seine Ehefrau und die drei Söhne (Wilhelm, Otto und Moritz) wohnten in der Zwischenzeit bei seiner Mutter in Weimar, was ihm die Gelegenheit gab, alte Kontakte wieder aufzufrischen. Hier wurde auch die Tochter Caroline geboren; doch das freudige Ereignis wurde nach einigen Wochen vom Tod der Ehefrau überschattet. Kotzebue floh aus Angst vor dem „letzten Kampf mit dem Tode“ (darüber wird bis heute gerätselt) nach Paris. Nach kurzer Zeit kehrte er jedoch zurück und hielt sich mehrere Monate in Deutschland (u.a. in Mainz, Weimar, Berlin und Pyrmont) auf.

Während seines Kuraufenthaltes hatte Kotzebue das Schauspiel Doctor Bahrdt mit der eisernen Stirn oder Die deutsche Union gegen Zimmermann (1790) verfasst und unter dem Namen Knigge publiziert. Die Publikation des Stückes, das nur als Lesedrama gedacht war, wurde ein Skandal. Zwei Jahre lange versuchte Kotzebue seine Autorenschaft zu verschleiern; es drohte sogar eine gerichtliche Ahndung. Mit seinem politischen Lustspiel Der weibliche Jacobiner-Clubb (1791) handelte sich Kotzebue ebenfalls Ärger ein: Er wurde als französischer Spion und Jakobinerfreund verdächtigt.

Ende 1791 kehrte er nach Reval zurück, wo er zunächst wieder sein Amt als Präsident des Gouvernements-Magistrats aufnahm. Bald nach seiner Rückkehr kaufte er ein Rittergut und baute es nach der Vermählung (1794) mit Christine Gertrude von Essen (1769–1805) zum Landsitz Friedenthal aus. Hier konnte sich Kotzebue in Ruhe seiner schriftstellerischen Arbeit widmen. Die entstandenen Theaterstücke hatten ihre Uraufführung zumeist in Weimar, aber auch in Berlin, Hamburg und Reval. 1798 erhielt Kotzebue einen Ruf zum Leiter des Wiener Hoftheaters, doch es sollte nur ein kurzes Intermezzo bleiben. Bereits nach einem Jahr bat der Erfolgsautor selbst wegen angeblicher Intrigen der Schauspieler um seine Entlassung. Trotzdem war Wien ein Erfolg, denn Kaiser Franz II. (1768–1835), der Kotzebue als Theaterdichter sehr schätzte, sicherte ihm ein Jahresgehalt von 1.000 Gulden auf Lebenszeiten zu – allerdings mit der Bedingung, alle zukünftigen Stücke zuerst dem Wiener Hoftheater anzubieten. So standen bis 1817 über 100 verschiedene Schauspiele von Kotzebue auf dem Spielplan.

Nachdem Kotzebue Wien verlassen hatte, hielt er sich geraume Zeit in Weimar auf. Im April 1800 wollte er mit seiner Familie wieder zurück auf seinen Landsitz Friedensthal, doch bei der Einreise nach Russland wurde er verhaftet. Von seiner Familie getrennt wurde er über mehrere Stationen bis nach Tobolsk in Sibirien deportiert. Bis heute sind die Hintergründe seiner Verbannung nicht geklärt, auch Kotzebues Reisebericht Das merkwürdige Jahr meines Lebens (1801) gibt darüber kaum Auskunft. Ebenso überraschend waren seine plötzliche Entlassung und Begnadigung nach wenigen Wochen. Als Entschädigung für den falschen Verdacht erhielt er sogar das Krongut Worroküll in Livland, zu dem 400 Leibeigene gehörten. Weiterhin wurde er zum kaiserlichen Hofrat und Theaterdirektor des Deutschen Theaters in St. Petersburg ernannt.

Ausgestattet mit solchen Titeln und Ehrungen reiste Kotzebue im Frühjahr 1801 nach Weimar, um in seiner Heimatstadt als „Weltautor“ einen Platz unter den hier versammelten literarischen Größen zu beanspruchen. Als Höfling und angeblicher Auftragsdichter wurde er aber geradezu schnöde abgewiesen. Goethe lud ihn nicht zu seinem regelmäßigen Mittwochskränzchen ein und Friedrich Schlegel (1772–1829) verfasste sogar ein Schmähgedicht. Die hehren Vertreter der Weimarer Klassik mieden den „Trivialautor“. Kotzebue war verletzt; vor allem, als Goethe bei der Aufführung seines Schauspiels Die deutschen Kleinstädter (1802) eigenmächtig Streichungen vornahm, die unter anderem Anspielungen auf die Gebrüder Schlegel und Christiane Vulpius betrafen. Kotzebue ließ die Uraufführung platzen; sie fand in Wien statt und das Stück kam erst ein Jahr später, nach Drucklegung, auf die Weimarer Bühne. Zwischen den Kontrahenten entspann sich ein regelrechter Kleinkrieg. Analog zu Goethes Mittwochskränzchen etablierte Kotzebue einen „Donnerstag-Gegensalon“, der bald mehr Zuspruch hatte. Außerdem gründete er die Zeitschrift Der Freimütige oder berlinische Zeitung für gebildete und unbefangene Leser (1803) – neben Kunst und Literatur war sie vor allem ein polemisches Sprachrohr gegen Goethe und die junge Bewegung der Jenaer Romantiker, die wiederum mit Artikeln in der Zeitschrift für die elegante Welt (1801) Kotzebue häufig angriffen – der erste deutsche Pressekrieg war geboren. Die Feindseligkeiten gingen sogar soweit, dass Herzog Karl August von Sachsen-Weimar, der natürlich für Goethe Partei ergriff, Kotzebue 1803 das Betreten des Landes untersagte (das Verbot wurde erst 1817 aufgehoben). Interessanterweise hatte die beschämende Konfrontation keine Auswirkungen auf den Weimarer Theaterspielplan. Während Kotzebues Aufenthalt in Weimar beziehungsweise Jena (Juni 1801 bis September 1802) wurden immerhin dreizehn seiner Werke (30 Aufführungen) gespielt. Dagegen wurden von Goethe im selben Zeitraum nur vier Werke (zwölf Aufführungen) gegeben.

Von Weimar ging Kotzebue nach Berlin. Während er in seiner Geburtsstadt an der Ilm die erhoffte, ja die beanspruchte Anerkennung nicht erhalten hatte, wurde er an der Spree mit offenen Armen empfangen. Für die Eröffnung des neuen Schauspielhauses am 1. Januar 1802 (in Gegenwart von Friedrich Wilhelm III. (1770–1840)) hatte er das Schauspiel Die Kreuzfahrer sowie die Oper Das Zauberschloss geschrieben. Auch sein nächstes Stück, das vaterländische Schauspiel Die Hussiten vor Naumburg (1803) wurde ein großer Publikumserfolg. Mitten in diesem neuerlichen Triumph traf Kotzebue mit dem Tod seiner zweiten Ehefrau 1803 ein weiterer Schicksalsschlag. Wieder unternahm der Trauernde für mehrere Monate eine Parisreise, wo er sogar eine persönliche Audienz bei Napoleon hatte. Nach seiner Rückkehr heiratete er Wilhelmine Friederike von Krusenstiern ((1778–1852), eine Cousine seiner zweiten Frau), mit der er anschließend eine ausgedehnte Hochzeitsreise nach Italien unternahm.

Wieder in Berlin widmete sich Kotzebue, der zuvor von Friedrich Wilhelm III. zum Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften ernannt worden war, historischen Abhandlungen. Mit den Hussiten vor Naumburg und anderen historischen Stücken hatte er sich bereits ausgiebig mit dieser Thematik beschäftigt. Für seine vierbändige Preußens ältere Geschichte (1808) ließ er sich extra in Königsberg nieder, wo er bessere Archiv- und Recherchemöglichkeiten vorfand. Diese neue Aufgabe war zudem eine willkommene Möglichkeit der schriftstellerischen Betätigung, denn die dramatischen Arbeiten wurden durch die sich stets verschärfte Zensur zusehends erschwert.

Bevor die napoleonischen Truppen in Berlin einmarschierten (Oktober 1806), wurde das Verbleiben in Königsberg für Kotzebue riskant, daher zog er mit seiner Familie auf seine Güter nach Livland, wo er sich vorrangig dem Land- und Familienleben widmete. Daneben gründete er die Monatszeitschriften Die Biene (1808) und nach deren Verbot Die Grille (1811), in denen er mit satirischen, aber möglichst unverfänglichen Texten sowohl die napoleonische Fremdherrschaft als auch die frankophile Gesinnung seiner Landsleute anprangerte.

Nach dem Scheitern des Russlandfeldzuges Napoleons wurde Kotzebue in seiner Kritik wesentlich deutlicher, was sich vor allem in dem humorvollen und bissigen Theater-Zyklus „Noch jemand“ zeigte (Auftakt mit Der Flußgott Niemen und Noch jemand (1812)), in denen sich der französische Kaiser als „Noch jemand“ gewissermaßen selbst entblößte. Als Kotzebue seinen ältesten Sohn Wilhelm in der Schlacht von Polozk (Oktober 1812) verlor, steigerte das seinen abgrundtiefen Hass gegen Napoleon noch zusätzlich.

Wieder in Königsberg wurde Kotzebue Russischer Gesandter und künstlerischer Leiter des Theaters, sodass er sich verstärkt der Theaterarbeit widmete. Mit der Uraufführung des heroischen Schauspiels Herrmann und Thusnelda (1815) feierte er noch einmal einen großen Bühnenerfolg. 1816 zum Etatsrat (Staatsrat) für Auswärtige Angelegenheiten in St. Petersburg ernannt, kehrte Kotzebue ein Jahr später als persönlicher Berichterstatter des Zaren Alexander I. nach Deutschland zurück, unter anderem nach Weimar, wo seine Stücke immer noch auf dem Spielplan standen. Monatlich sollte er umfassend über neuere Entwicklung in Religion, Kunst, Literatur und Erziehung berichten. Unter den Burschenschaften verbreitete sich allerdings schnell das Gerücht, Kotzebue sei ein russischer Spion und Vaterlandsverräter. So wurde auf dem Wartburgfest 1817 seine Geschichte des deutschen Reichs von dessen Ursprunge bis zu dessen Untergange (1814/15) bei der dort zelebrierten Bücherverbrennung ins Feuer geworfen. Kotzebue schürte diese Konfrontation noch zusätzlich mit Artikeln in seinem Literarischen Wochenblatt (1818), in denen er gegen die Burschenschaften und die Turnerbewegung zu Felde zog. Die sahen in Kotzebue eine Gallionsfigur der Monarchie. Die Presse in Thüringen bauschte die Gerüchte weiter auf und goss damit zusätzlich Öl ins Feuer. Kotzebue wich mit seiner Familie im Sommer 1818 nach Mannheim aus, wo es keine Universität gab und er sich sicher glaubte vor den Burschenschaftlern. Der fanatische Student Carl Ludwig Sand folgte ihm jedoch im Frühjahr 1819 nach Mannheim und erstach Kotzebue am 23. März in seiner Wohnung vor den Augen der Familie – angeblich mit den Worten „Hier, du Verräter des Vaterlandes!“ Sand versuchte daraufhin, sich selbst das Leben zu nehmen, überlebte jedoch schwer verletzt. Ein tragischer Tod, wie geschaffen für ein Shakespeare- oder Schiller-Drama.

Kotzebue wurde auf dem Mannheimer Hauptfriedhof beigesetzt, sein „Mörder aus Vaterlandsliebe“ endete dagegen nach mehr als einem Jahr Untersuchungshaft am 20. Mai 1820 auf dem Schafott. Sand wurde schnell zum Symbol für Einheit und Freiheit und zur Identifikationsfigur im Vormärz. Seine Tat, die eigentlich den Impuls zu einer allgemeinen Studentenrevolte geben sollte, bewirkte jedoch das Gegenteil: Die allgemeine Empörung über das Attentat nutzten die Reaktionären unter Führung des österreichischen Staatskanzlers Fürst von Metternich (1773–1859), um gegen die liberale Bewegung mit staatlichen Mitteln vorzugehen. Die Karlsbader Beschlüsse (6.–31.8.1819) beinhalteten unter anderem ein Verbot der öffentlichen schriftlichen Meinungsfreiheit und der Burschenschaften. Erst 1848 wurden sie teilweise wieder aufgehoben.

Obwohl Kotzebue bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein der beliebteste Dramatiker beim deutschen Publikum war, begann schon bald nach seinem Tod seine Ausgrenzung in der Literaturgeschichtsschreibung, die bis heute von Abneigung gegen den Erfolgsschriftsteller geprägt ist. Da verwundert es nicht, dass Kotzebue in der zeitgenössischen Literaturgeschichte nur eine Randnotiz ist und seine Werke kaum noch verlegt werden. Bisher war die Zahl der Studien und Publikationen, die sich mit Kotzebue beschäftigten, ebenfalls sehr überschaubar.

Erst seit 2011, seinem 250. Geburtstag, erlebt der umstrittene Autor nach einer langen Phase der Ablehnung eine kleine Renaissance. So sieht sich der Wehrhahn Verlag verpflichtet, sein Werk gewissermaßen ins 21. Jahrhundert hinüberzuretten. Bereits der Auftakt Kotzebues Dramen. Ein Lexikon (2011) war vielversprechend: Es stellt rund 230 Kotzebue-Stücke aller Genres in informativen Artikeln vor – vom Prolog bis zum Historiendrama, vom rührenden Trauerspiel bis zur Gesellschaftskomödie, vom Einakter bis zur Oper, von der Huldigung bis zur Posse. Zu jedem einzelnen Stück gibt es Inhaltsanalysen; außerdem werden Motive, Aufführungen, Rezeptionszeugnisse, Forschungsbeiträge sowie Illustrationen aus den Originalausgaben angeführt. Damit wird die außergewöhnliche und bis heute unbekannte Bandbreite der Kotzebue-Stücke sichtbar.

Danach – vor allem zum diesjährigen 200. Todestag – ließ der Verlag zahlreiche Bände mit verschiedenen Schau- und Lustspielen, Possen und Soldatenstücken folgen. Weitere Bände sind in Vorbereitung – darunter einige mit Kotzebues bekanntesten Stücken Menschenhaß und Reue, Doctor Bardt mit der eisernen Stirn, oder Die deutsche Union gegen Zimmermann (1790) und Der weibliche Jacobiner-Clubb. Alle Ausgaben sind mit einem ausführlichen Nachwort der jeweiligen Herausgeber/innen ausgestatten, in denen neben der Entstehung und Rezeption der Stücke auch Einblicke in die Theaterkultur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts vermittelt werden. Der Literaturwissenschaftler Fabian Mauch gibt in seinem Nachwort zu Der Wirrwarr oder der Muthwillige (1803) außerdem einen biografischen Überblick zu Kotzebue.

Besonders lobenswert ist die zweibändige Wehrhahn-Ausgabe (bisher ist Band 1 erschienen) Ausgewählte Kleine Prosa (2018), die erstmals eine repräsentative Auswahl von Erzählungen, Novellen, Essays, Anekdoten und vermischten Gedanken versammelt. Der zweite Band soll sich dann auf Rezensionen, Kommentare, Kritiken und Übersetzungen konzentrieren. Kotzebue verfasste neben seinen zahlreichen Bühnenstücken auch eine überwältigende Menge von Romanen, Novellen und anderen Prosatexten – die Gesamtausgabe August von Kotzebues ausgewählte prosaische Schriften (1842–43) umfasste immerhin 45 Bände.

Der wissenschaftliche Sammelband August von Kotzebue im estnisch-deutschen Dialog (2016) enthält Beiträge von deutschen und estnischen Wissenschaftlern, die den Umstand thematisieren, dass Kotzebue zwar einen Großteil seiner Werke in Estland verfasste, seine Wirkung aber vor allem in den deutschsprachigen Ländern entfaltete. Außerdem unternehmen die Autoren den Versuch, der Negativkanonisierung Kotzebues eine vorurteilsfreie und kritische Neubewertung entgegenzusetzen. Die einzelnen Artikel werden außerdem durch kurze estnischsprachige Resümees ergänzt, was der estnischen Leserschaft einen allerersten Zugang verschafft. Der Band August von Kotzebue. Ein streitbarer und umstrittener Autor (2017) versammelt vorrangig Beiträge von den „Kotzebue-Gesprächen“ in Berlin und Tallinn (2014–2016). Sie beleuchten unter anderem sein breitgefächertes Wirken als Theaterleiter, Dramatiker und Romancier. Hinzu kommen Gesichtspunkte der Rezeption in Estland und in der DDR-Literatur.

Neben den Wehrhahn-Publikationen muss unbedingt die reich illustrierte Biografie August von Kotzebue. Erfolgsautor zwischen Aufklärung, Klassik und Frühromantik (2011) erwähnt werden. Der Musikwissenschaftler Axel Schröder vertritt darin die These, dass die „rasch einsetzende Negativkanonisierung“ von Kotzebues Werk „zum Teil zu Unrecht“ erfolgt sei, ohne jedoch dafür eine ausreichende Begründung zu liefern. Sein Hauptaugenmerk liegt aber auf der Offenlegung der literarischen und musikalischen Einflüsse auf Kotzebues Bühnenschaffen.

August von Kotzebue wurde schon von der Kritik seiner Zeit als modischer Vielschreiber angegriffen – seinen sentimentalen Stücken fehle einfach der Tiefgang. Dieses Urteil vom „Vater der dramatischen Trivialliteratur“ hat bis heute in der Literaturgeschichte Bestand. Doch der Gescholtene wollte nie ein Dichter für Auserwählte sein, sondern einer für das Publikum, das ihn liebte. Neben seinem dramatischen Talent war er ein ausgezeichneter Theater-Praktiker mit einer außergewöhnlichen Bühnenwirksamkeit. Im 19. Jahrhundert war er der am meisten gespielte Autor in Europa. Selbst Goethe, der als Theaterdirektor Wert auf die ästhetische Erziehung des Publikums legte, griff in Weimar gerne auf seine zugkräftigen Erfolgsstücke zurück, waren sie doch eine sichere und kräftig fließende Einnahmequelle.

Kotzebue war kein politischer Dichter, der die gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit reflektierte, trotzdem hatte er ein Gespür für aktuelle Themen. Kotzebue war unbequem, der Spott und Verachtung auf sich zog, aber mit gleicher Münze heimzahlte. Keiner Fehde ging er aus dem Weg und verfasste zahlreiche Polemiken gegen seine Zeitgenossen. Diese Auseinandersetzungen konnte er jedoch nicht gewinnen. So litt er zeitlebens darunter, von den ‚Großen‘ in Weimar nicht anerkannt zu werden. Seine Theatererfolge nutzte er zwar zur Selbstinszenierung, doch er handelte stets nach der Maxime: Theaterstücke müssen auf der Bühne spielbar sein und sie müssen das Publikum unterhalten. Philosophisch aufgeladene Werke waren nicht sein Metier, er bediente die Publikumserwartungen. Damit bekommt man aber (leider?) keinen Rang in der Literaturgeschichte zugesprochen. Und so wird 200 Jahre nach seinem Tod immer noch über seinen Platz im Spannungsfeld zwischen Klassik und Romantik gestritten. Wer jedoch das literarische Leben um 1800 kennenlernen will, kommt an Kotzebue nicht vorbei. Mit dem Doppeljubiläum (2011 und 2019) wird nun endlich sein literarisches und publizistisches Wirken revidiert. Zaghaft verlässt man die Missachtung seiner sicher seichten Stücke und fragt sich vielmehr: Wieso konnte Kotzebue eine derartige Wirkung auf das Publikum seiner Zeit entfalten? Ein überaus aktuelles Problem, das auch heutige Intendanten ins Grübeln bringt: Publikumsrenner oder gähnende Leere im Saal?

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Axel Schröter: August von Kotzebue. Erfolgsautor zwischen Aufklärung, Klassik und Frühromatik.
Weimarer Verlagsgesellschaft, Wiesbaden 2011.
144 Seiten, 24,80 EUR.
ISBN-13: 9783939964186

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Johannes Birgfeld / Julia Bohnengel / Alexander Košenina (Hg.): Kotzebues Dramen. Ein Lexikon.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2011.
280 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-13: 9783865252272

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August von Kotzebue: Das neue Jahrhundert. Eine Posse in einem Akt.
Herausgegeben von Alexander Košenina.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2012.
64 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783865252630

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August von Kotzebue: Die Indianer in England. Lustspiel in drey Aufzügen. Mit zwölf Kupferstichen von Daniel Chodowiecki.
Herausgegeben von Alexander Košenina.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2015.
124 Seiten, 12,80 EUR.
ISBN-13: 9783865254573

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Klaus Gerlach / Harry Liivrand / Kristel Pappel (Hg.): August von Kotzebue im estnisch-deutschen Dialog.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2016.
304 Seiten, 35,00 EUR.
ISBN-13: 9783865254924

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Alexander Košenina / Harry Liivrand / Kristel Pappel (Hg.): August von Kotzebue. Ein streitbarer und umstrittener Autor.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2017.
255 Seiten, 29,50 EUR.
ISBN-13: 9783865255938

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August von Kotzebue: Soldatenstücke in einem Akt. Die Uniform des Feldmarschalls Wellington – Die Brandschatzung – Die Rückkehr der Freiwilligen, oder: Das patriotische Gelübde – Das zugemauerte Fenster – Das Posthaus in Treuenbrietzen.
Mit einem Nachwort herausgegeben von André Georgi.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2018.
178 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783865256485

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August von Kotzebue: Der Wirrwarr oder der Muthwillige. Eine Posse in fünf Akten.
Mit einem Nachwort herausgegeben von Fabian Mauch.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2018.
116 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783865256492

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August von Kotzebue: Hugo Grotius. Ein Schauspiel in vier Aufzügen (1803).
Mit einem Nachwort herausgegeben von André Georgi.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2018.
148 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783865256560

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August von Kotzebue: Fünf Schauspiele in einem Akt. Die Quäker – Die Abendstunde – Die Selbstmörder – Der kleine Deklamator – Der Hahnenschlag.
Mit einem Nachwort herausgegeben von André Georgi.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2018.
157 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783865256508

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August von Kotzebue: Die Unvermählte. Ein Drama in vier Aufzügen.
Herausgegeben von André Georgi. Mit einem Nachwort von Barbara Vinken.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2018.
100 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783865256720

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August von Kotzebue: Der Vielwisser. Ein Lustspiel in fünf Akten.
Herausgegeben von André Georgi und Alexander Kosenina.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2018.
108 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783865256683

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August von Kotzebue: Ausgewählte Kleine Prosa. Band 1.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2018.
360 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783865256782

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