Vorsicht, Military Turn!

Die Sozial-, Kultur- und Medienwissenschaften rüsten sich für ein neues Modethema - "Information Warfare"

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Information Warfare", was heißt das überhaupt? Solche Amerikanismen liest man neuerdings oft in medien- und kulturwissenschaftlichen Büchern. "The Medium is the Missile", rief uns etwa 2003 eine Studie Steffen Sommers über "Video als Mittel der globalen Kriegführung" zu, Niels Werber spricht in seiner Untersuchung zur "Geopolitik in der Literatur" (2007) in Bezug auf eine "Joint Vision" des Pentagons immer wieder von einer für die US-Army angestrebten "Full Spectrum Dominance", und Jens Warburg berichtet in seiner 2008 erschienenen Studie "Das Militär und seine Subjekte. Zur Soziologie des Krieges", dass die USA und die mit ihr verbündeten Staaten, unter anderem die Bundesrepublik Deutschland, eine "Transformation" ihrer Streitkräfte anstrebten - bislang noch eine "Vision", die man mit der Formel "Network Centric Warfare" (NCW) bezeichne, zu deutsch so viel wie eine "Vernetzte Operationsführung".

Big Brother Is Watching You

Grundlage all dessen ist die Vorstellung, dass die "Neuen Kriege", seit Beginn von George W. Bushs "War on Terror" auch als Kampf gegen "asymmetric threats" begriffen, nicht mehr nur durch moderne Waffen gewonnen werden könnten, sondern vor allem durch einen Informations- und Nachrichtenvorsprung, der möglichst uneinholbar sein soll. NCW ziele auf eine "netzwerkzentrierte Kriegführung", erläutert Warburg. Sie basiere auf "einer umfassenden Digitalisierung aller Informationen, die über den Gegner, das Kampfgebiet, aber auch über die eigenen Truppe vorliegen". Im Krieg selbst werden dazu zum Beispiel Satelliten, kamerabestückte Drohnen und Sensoren an den Körpern der eigenen Soldaten eingesetzt.

Diese strategischen Bemühungen sehen sich einer undefinierbaren "Kriegsmaschine" gegenüber, die auch schon vor dem 11. September 2001 erkennbar war, wie Nicolas Siepen in seinem betreffenden Artikel im "Wörterbuch des Krieges" schreibt, das 2008 im Merve Verlag Berlin erschienen ist. Neben Gilles Deleuze und Felix Guattaris "Tausend Plateaus" zitiert er dazu auch Antonio Negris und Michael Hardts "Empire" als vieldiskutierte Studie, die das, was nach dem 11. September umso deutlicher wurde, bereits im Jahr 2000 erläuterte: "Heute tun sich die Ideologen der Vereinigten Staaten unheimlich schwer, einen einzelnen, einheitlichen Feind zu benennen; stattdessen scheint es überall kleine und schwer bestimmbare Feinde zu geben. Das Ende der Krise der Moderne hat zu einer Ausbreitung kleiner und unbestimmter Krisen oder, wie wir sagen würden, zu einer Omnikrise geführt."

Kontrovers verhält sich dazu auch der im selben "Dictionary of War" enthaltene Text des Schriftstellers Raul Zelik, der eben jenen "asymmetrischen Krieg und die Ausbreitung des Schreckens" zum Thema hat. Zelik kritisiert hier den deutschen Analytiker, dessen Publikationen zum Thema debattenbestimmend waren und es auch weiterhin sind: Herfried Münkler. Münklers These, dass der "asymmetrische Krieg" zu einer Entgrenzung der Gewalt geführt habe, an der er dem Guerilla-Krieg und dem terroristischen Partisanenkampf von Al-Qaida die Hauptschuldlast zuweist, entgegnet Zelik mit dem antiimperialistischen Argument, dass diese Entregelung der Gewalt von den herausgeforderten Staaten schon lange selbst aktiv vorangetrieben worden sei.

Dies versucht er unter anderem mit dem weit zurück weisenden historischen Beispiel des deutschen Kolonial-Völkermords an den Herero zu untermauern, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts bewusst nicht mehr zwischen Kämpfern und Zivilisten unterschied, sondern auf eine bedingungslose Eliminierung eines gesamten zum Feind erklärten Volks zielte. Heute seien solche Irregularisierungsbewegungen im Krieg also nicht nur Kennzeichen etwa des islamistischen Terrors, sondern zu allererst "das Ergebnis staatlicher Militärpolitiken" des Westens: "Dabei ist es der Sicherheitsapparat selbst, der reguläre Staatlichkeit außer Kraft setzt, um Ordnung zu etablieren. Dass im Ausnahmezustand des sogenannten Anti-Terror-Kriegs Rechtsgarantien aufgehoben werden, ist nur ein Aspekt dieser Entwicklung. Ein anderer manifestiert sich in der Tatsache, dass die im Dienst der Sicherheit ausgeübte Gewalt entstaatlicht wird - ein immer größerer Teil der US-Militärpolitik wird von privaten Unternehmen umgesetzt und entzieht sich damit jeder politischen Kontrolle."

Das klingt einerseits nachvollziehbar, ist aber auch nur die halbe Wahrheit. Dietmar Dath bebildert die allgemeine Verwirrung der Analytiker in seinem originellen Artikel über die militärische Bedeutung des Wetters mit dem Beispiel eines von Verschwörungstheorien nur so umrankten Horror-Areals in Alaska - dem High Frequency Active Auroral Research Project. Es gebe Gerüchte, wonach dieses System ein "mit Unterstützung und Finanzspritzen des amerikanischen Militärs errichtetes Mikrowellen-Antennengelände" darstelle, "das angeblich nur der Erforschung der Ionosphäre dienen soll", jedoch insgeheim "auch zur Wetterbeeinflussung" eingesetzt werde, um weltweit Feinde mit Naturgewalten bekämpfen zu können.

Dazu bemerkt Dath: "Da man, wie bei allen Vermutungen, über das, was Staaten heute so zwischen dem Bauen von Atombomben und Foltergefängnissen treiben, nicht ohne weiteres wird herausfinden können, was an den Gerüchten stimmt, sollte man sich vielleicht nochmal anschauen, warum sie überhaupt einleuchten, weshalb sie so gern geglaubt werden - was ja selbst dann der Fall ist, wenn sie nicht stimmen." Dath selbst hat dieses Nachdenken über die Ubiquität von Verschwörungstheorien bereits in seinem surrealen Roman "Waffenwetter" (2007) weiter- und an seine fantastischen Grenzen geführt.

Die "neuen Kriege" zeichnen sich dennoch dadurch aus, dass Europa und die USA bei ihrer eigenen Bevölkerung eine diffuse Angst vor dubiosen Bedrohungen erzeugen, die sie letztlich auch selbst konstruieren und eigens weiter provozieren: "Es ist die schwerwiegendste Enthegung der Gewalt, die gefährlichste und weitest reichende Irregularisierung, die wir heute erleben: ein gesetzloser Schrecken, der aus dem Inneren der Staatlichkeit selbst hervorgeht und die geballte militärische, politische und ökonomische Macht hinter sich weiß", stellt Raul Zelik fest.

Der nach wie vor ebenfalls eher vage verstandene Terminus "Information Warfare" meint in diesem Sinn auch die Kontrolle über die mediale Struktur der Weltöffentlichkeit, also die Erringung von "Informationsüberlegenheit" allgemein. Da vor allem das Fernsehen und das Internet längst unsere gesamte Lebenswelt durchdrungen haben und in einem kaum zu überschätzenden Maße bestimmen, werden auch Kriege mit diesen Medien geführt, von ihnen als "Content" abgebildet oder auch propagandistisch verzerrt: "Information Warfare" gehe also weit "über den Versuch hinaus, die Kommunikationskanäle des Gegners zu stören", erläutert Matthias Karmasin im Vorwort des von ihm zusammen mit Werner Faulstich 2007 herausgegebenen Bands "Krieg - Medien - Kultur", "sondern versucht die Herstellung von Informationshegemonie". Der Prozess der Medialisierung sei dabei rekursiv: "Nicht nur der Jargon des Krieges sickert in die Medien und trägt zu einer Banalisierung bzw. Normalisierung des Militärischen bei, auch die Kultur des Krieges wird durch mediale Logiken beeinflusst und verändert."

Krieg als Kulturfaktor?

Tatsächlich gibt es auch schon einen 2006 erschienen Sammelband zum Thema "Banal Militarism" als "Veralltäglichung des Militärischen im Zivilen", in dem es unter anderem um "Militainment" geht, also den "Irak-Krieg als 'Reality-Show' und Unterhaltungs-Videospiel", oder auch den "'Military Look' als Teil politischer Kultur". Die Herausgeber Tanja Thomas und Fabian Virchow sind auch noch einmal mit einem Beitrag in der paradigmatischen Aufsatzsammlung "Information Warfare" zur "Rolle der Medien (Literatur, Kunst, Photographie, Film, Fernsehen, Theater, Presse, Korrespondenz) bei der Kriegsdarstellung und -deutung" (2007) vertreten und schreiben darin abermals über die "Banalisierung des Militärischen und die Militarisierung der politischen Kultur".

Die Autoren weisen darauf hin, dass sich auch in Deutschland in den 1990er-Jahren eine bemerkenswerte "Veränderung der politischen Kultur" vollzogen habe, die "sich von der Akzeptanz des Militärs als solchem zur Akzeptanz der Beteiligung der Bundeswehr an Kriegseinsätzen, die nicht der Verteidigung des Territoriums der Bundesrepublik Deutschland dienen", verschoben habe. Damit habe sich eine "politische Kultur des Krieges" durchgesetzt, und das Militärische habe sich auf mehr oder weniger subtile Weise zu einem selbstverständlichen Alltagsinhalt gemausert: "Schlägt man heute eine der unzähligen Zeitschriften auf, die über Neuheiten auf dem Markt der Video- und Computerspiele informieren, so stellen Berichte und Anzeigen über Spiele, die Militär und Krieg zum Gegenstand haben, einen immer wiederkehrenden Bestandteil in den Heften dar", haben die Autoren zum Beispiel beobachtet - und betonen, dass es sich dabei um "kulturelle Artefakte" handele, die ein Millionenpublikum erreichten und beeinflussten. Dieser "military-entertainment-complex" markiere "eine Amalgamierung des Militärischen und des Zivilen, welche den spielenden NutzerInnen Unterhaltung und dem Militär ein modernes Rekrutierungs- und Sozialisierungsinstrument" biete.

"Die Visualisierung des Krieges ist mittlerweile allumfassend", konstatiert auch Matthias Karmasin unter der Überschrift "Memorialkultur als Medienkultur: Vom 'Visual Turn' zum 'Military Chic'": "Kameras sind mittlerweile überall mit dabei: in den Lenkköpfen der Raketen, in den Schnauzen der Panzer und Flugzeuge, an den Helmen der Infanteristen und bei den KriegsberichterstatterInnen professioneller und ziviler Provenienz; kaum eine Bewegung, die nicht gefilmt, beobachtet und dokumentiert würde. Dies gilt nicht nur für die High-Tech-Armeen der NATO, sondern auch für (Bürger-)Kriege in der Dritten Welt, auch wenn diese Aufnahmen auf weniger Interesse in den Leitmedien der Ersten Welt stoßen und dort vor allem via Internet verbreitet werden." Kurz: "Krieg ist am Beginn des 21. Jahrhunderts ein Medienereignis und wird für die Medien aufbereitet (wenn nicht inszeniert), und Medien sind Teil jedes Krieges."

Die "Memorialkultur" aber wirft den Blick zurück - und wird von neuen medialen Anordnungen, Strukturierungen und Wiederholungen bestimmt, die die Geschichtspolitik ebenso steuern wie sie auch auf die Geschichtsschreibung allgemein zurückwirken, obwohl diese ihnen eigentlich als 'objektive Wissenschaft' einen Schritt voraus sein sollte. Hier hat der so genannte "Visual Turn" zu einer Verschiebung geschichtlicher Wahrnehmung geführt, die in der von Karmasin zitierten Zuspitzung gipfelt, dass nicht mehr die Toten, sondern nur noch die Bilder zählten. Das Forschungsprogramm, das Karmasin im Vorwort seines Sammelbands zu profilieren sucht, zielt jedoch auf eine weit komplexere Untersuchung solcher medialer Kriegsdiskurse, die auf strikte Interdisziplinarität pocht und unter anderem die "Historisierung", also die historische Tiefendimension der Medienkulturen des Kriegs, im Auge behalten möchte.

Dies unternimmt auch die Konstanzer Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann in ihrem Buch "Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung". Assmann versucht darin eine Typologie noch im Zweiten Weltkrieg geborener und darauf folgender "Generationen", um ihre jeweilige Positionierung zur Kriegserinnerung zu profilieren. Außerdem beleuchtet sie entsprechende Formen des öffentlichen Gedächtnisses in Museen, den Medien und mit Hilfe von Architektur.

Alles in allem erscheint der Band als der merkwürdig versöhnende Versuch, geradezu reaktionäre Forderungen wie die des Literaturwissenschaftlers Karl Heinz Bohrer oder auch des populistischen Journalisten Matthias Matussek mit einem differenzierteren Selbstverständnis einer 'selbstbewussten' Berliner Republik auf einen Nenner zu bringen. Dabei ist das verstörende Schauspiel zu beobachten, wie ein Buch, das die geschichtspolitische Entwicklung vor allem der Bundesrepublik Deutschland seit 1945 knapp und nüchtern zu schildern versucht, schließlich selbst in den Sog der ideologischen Zusammenhänge gerät, die es analysieren will. Hatte man zu Beginn des Bands noch den Eindruck, seine Argumentation solle auf die notwendige Kritik von Bohrers Standpunkt hinauslaufen, die Deutschen seien zu sehr auf den Nationalsozialismus und den Holocaust fixiert und hätten daher den 'nationalen Sinn' für die 'Größe' ihrer vorausgegangenen, 'langen' Geschichte verloren - so mündet Assmanns Untersuchung schließlich in eine verständnisvolle Apologie genau dieser Distanzierung von der Shoah innerhalb des deutschen Geschichtsbilds.

Dass man sich in der Bonner Republik noch von dem Selbstverständnis als "Nation" emanzipiert zu haben glaubte und stattdessen mit Jürgen Habermas auf einen demokratischen "Verfassungspatriotismus" setzte, erscheint so auch aus Assmanns Perspektive als ein bloße Augenwischerei, die es nun in der Berliner Republik zu korrigieren gelte. Auch dass die Historiografie in den 1980er- und 1990er-Jahren auf kritische Distanz zu Helmut Kohls geschichtspolitischen Initiativen gegangen sei, weil sie ihr "dubios" erschienen, gilt bei Assmann plötzlich nicht mehr als selbstverständliches wissenschaftliches Ethos, sondern als Aufgabe einer ureigenen historiografischen "Bildungsfunktion". So werden bei ihr Kohls skandalöse SS-'Opfer'-Ehrung in Bitburg, die von ihm zwecks NS-Täter- und Opfer-Gleichsetzung inaugurierte, kitschige "Neue Wache" in Berlin oder auch die dortige Gründung des "Deutschen Historischen Museums" (als Repräsentation eines veritablen CDU-Geschichtsbilds nach dem Modell des Bonner "Hauses der Geschichte") als bloße Verlagerung und Neuorganisation des Geschichtsbewusstseins neutral beschrieben. Selbst Erika Steinbachs Projekt der Ausstellung zum deutschen Vertriebenenschicksal verteidigt Assmann mit einem typischen Zitat des unvermeidlichen Joachim Gauck: "Nachdem zur deutschen Identität das Bewusstsein eigener Jahrhundertschuld gehört, ist die Nation heute nicht mehr in Gefahr, nationalistisch zu werden, wenn sie ihrer eigenen Opfer gedenkt."

Offensichtlich ist auch für Assmann eine - ehedem unter Intellektuellen noch selbstverständliche - skeptische Haltung gegenüber einem solchen erstarkenden nationalen Selbstbewusstsein out. Handele es sich bei einer solchen ablehnenden Haltung doch um eine bloße "Identitätsverweigerung" der 1945er- und vor allem der 1968er-Generation, die auf einem "Zerrbild" eines "aggressiven Nationalismus" beruhe. Als ob so etwas möglich sei, propagiert Assmann dagegen eine Art aufgeklärteren, neuen deutschen Nationalismus - mit der erstaunlichen Begründung, dass ein Volk so eine Bezugsgröße nun einmal brauche und nicht einfach ignorieren könne: Die Autorin spiegelt vor, patriotische Emotionen seien dem Menschen ein überlebenswichtiges Bedürfnis - in Deutschland genauso wie auch anderswo in der Welt. Habermas' "Verfassungspatriotismus" dagegen könne deshalb gar nicht funktionieren: "Für eine Verfassung, die man nicht errungen hat, sondern die einem unter beschämenden Umständen geschenkt wurde, kann man grenzenlose Dankbarkeit, aber keine patriotischen Gefühle hegen", mault Assmann.

So ein Pech aber auch: Für welche "Generation" spricht die Gedächtnistheoretikerin hier eigentlich? Offenbar für eine, die meint, Habermas' Option stehe einer "Normalisierung" des Selbstverständnisses der Deutschen entgegen, "die sich in Europa und in der Welt nach der Wiedervereinigung und dem Ende der Nachkriegsszeit wieder als eine Nation erfinden müssen". Wieso diese befehlsartige Betonung auf das Wort "müssen"? Woher kommt überhaupt dieses irrationale Postulat? Wer spricht hier? Hatte man in den 1990er-Jahren noch geglaubt, so etwas könnten neben Helmut Kohl nur neurechte Ideologen wie Heimo Schwilk in den "Jungen Freiheit" äußern, der dort etwa 1996 in Bezug auf die Goldhagen-Kontroverse von einem "Nationalmasochismus" der Deutschen schwadronierte - so ist ein Bekenntnis zur deutschen Nation auch bei einer anerkannten Konstanzer Professorin wie Assmann nunmehr offenbar endgültig salonfähig geworden. So versteht man auch besser, warum in ihrem Buch erstaunlich oft Bohrer, Matussek und der Vorzeige-Historiker Hagen Schulze als Gewährsmänner auftauchen - ganz zu schweigen von Martin Walser, den die Autorin ebenfalls immer wieder zustimmend zitiert.

Die Epoche der "nationalen Entsagung sowie der Geschichts- und Identitätsaskese" sei "mit dem Mauersturz und der Wiedervereinigung abrupt zu Ende gegangen", konstatiert Assmann - und sie hat nichts dagegen einzuwenden. Im Gegenteil: Nicht einmal vor dem unsäglichen "Beleg" der deutschen Fußball-WM-Euphorie 2006 schreckt die Akademikerin zurück, der ihr dazu geeignet scheint, zusammen mit Hagen Schulze zu betonen, dass man nur mit einem positiven Verhältnis zur eigenen Nation auch ein guter Europäer sein könne. Habe man doch 2006 zum ersten Mal wieder "in fröhlicher und teilweise karnevalesker Manier Deutschlandfahnen geschwungen". Dass unmittelbar darauf ein weiterer Anstieg rassistischer Ausschreitungen im Zusammenhang mit Fußball-Länderspielen zu verzeichnen war, der übrigens auch während der diesjährigen Fußball-EM dazu führte, dass Fans nach einem gewonnenen Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft in den neuen Bundesländern türkische Döner-Imbissbuden demolierten, kommt in dieser geschönten Illusion eines "anderen" deutschen Nationalismus nach dem Zweiten Weltkrieg natürlich nicht vor.

Dass ein Politiker wie Roland Koch (CDU) in Hessen offen rassistische Wahlkämpfe führt, dass der immer mörderischere Rechtsextremismus in ganz Deutschland weiter auf dem Vormarsch ist und ein Fürst Ferdinand von Bismarck in der von ihm tatkräftig unterstützten Zeitung "Junge Freiheit" kürzlich beklagte, die deutschen "Eliten" hätten kein Interesse mehr an der Bewahrung Deutschlands und strebten danach, "unser Volk in einer multikulturellen und multiethnischen Gesellschaft und unseren Staat in überstaatlichen Strukturen aufzulösen" - solche Beispiele führt Assmann nirgends an. Entsprechend bedrohlich klingt es allerdings, wenn sie stattdessen unter Ausblendung solcher - jedwedem Nationalismus nun einmal notwendig inhärenter beziehungsweise mit ihm auch wieder leichter möglich werdender - Entgleisungen schreibt, nationale Identität wolle nicht nur "imaginiert", sondern auch "sinnlich repräsentiert sein".

Gewiss: Assmann propagiert einen "offenen" deutschen Nationalismus, dem angeblich die Integration von Ausländern und Zuwanderern selbstverständlich sei. Ein Nationsverständnis, das nicht eine, sondern mehrere Geschichten habe und das sich dessen zunehmend bewusst werde. Hier befindet sich die fleißige schwäbische Professorin ganz auf der argumentativen Höhe der früheren rot-grünen Regierung Gerhard Schröders (SPD) und Joschka Fischers (Grüne), die Ende der 1990er-Jahre die Geschichtspolitik einer Nation vorantrieb, die unter anderem auch wieder selbstbewusst Krieg führen könne und müsse, gerade weil sie Auschwitz in ihr Selbstverständnis endgültig integriert habe. Solche emsigen Beteuerungen gehen bei Assmann allerdings auch nicht ohne Stilblüten ab: "Bypass-Operationen vorbei am Geschichtsfelsen Auschwitz sind allerdings unmöglich, vielmehr ist dieser Fels ins Profil der deutschen Geschichtslandschaft zu integrieren."

Vorwerfen muss man ihrem Buch, dass es die alltäglichen negativen, um nicht zu sagen: gewaltsamen Aspekte kollektiver Emotionen eines 'positiv' verstandenen deutschen Nationalismus weitgehend ignoriert. Dabei sind diese seit der "Wende" längst unübersehbar geworden und zeigen abermals, dass der Nationalismus nach den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts tunlichst auch weiter so kritisch gesehen werden sollte wie noch in der von Assmann endgültig verabschiedeten Bonner Republik.

Die Augen der Opfer sehen Dich an

Eine ganz andere kunsthistorische Perspektive auf die Darstellbarkeit und Erinnerbarkeit von Kriegen und Genoziden hat etwa Agnes Matthias bereits 2005 eingenommen. Ihre Studie über "Die Kunst, den Krieg zu fotographieren. Krieg in der künstlerischen Fotographie der Gegenwart" entstand im Rahmen des Tübinger Sonderforschungsbereichs zu "Kriegserfahrungen. Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit" und bietet einen Überblick über fotografische Konzepte seit den 1990er-Jahren. Der Dissertation kann man entnehmen, welche Beschleunigung die mediale Durchdringung des Kriegs seit der Jahrtausendwende erfahren hat: Matthias wurde während ihrer Studien gewissermaßen von der Zeitgeschichte überholt, als der 11. September 2001 ihrem Thema noch einmal eine ganz neue Aktualität verlieh und die Prämissen ihrer Perspektiven abermals verschob. Die Fernsehbilder der Flugzeugabstürze in das World Trade Center waren, wie noch am selben Tag angesichts unzähliger Wiederholungen der Bilder auf allen TV-Kanälen der Welt begreiflich wurde, offensichtlich selbst ein maßgeblicher Teil der Attentatsstrategie, und der im Rahmen des "War on Terror" folgende Afghanistan-Krieg wurde im Gegenzug dazu aufgrund rigider US-amerikanischer Zensur zum "ersten bilderlosen Krieg im Zeitalter der Fotografie". Dies waren unterschiedliche Reaktionen auf die Erkenntnis, die Jean Baudrillard nach Matthias' abschließendem Ausblick so zu fassen versuchte: "Es gibt eine Überlappung, ein Übereinandergehen von Ereignis und Bild, das etwas Neuartiges an sich ist. Ereignis und Bild addieren sich nicht, sie kleben nicht aneinander, sondern sie sind hier wirklich ein und dieselbe Sache. Das Bild macht das Ereignis."

Was die Kunst der Fotografie betrifft, so macht Matthias in ihrer Arbeit verschiedene Methoden einer reflektierten Vergegenwärtigung von Kriegen aus, die von einer direkten Abbildung des Geschehenen, deren dokumentarische Fragwürdigkeit durchschaut wird, eher absehen. Eines dieser Konzepte ist das der "Post-Reportage", bei der die Vergangenheit der Gräuel insofern ins Zentrum rückt, als lediglich gezeigt wird, welche Spuren der Krieg an den Tatorten oder bei den Opfern hinterließ. Beeindruckend ist hier etwa das von Matthias vorgestellte "Rwanda Project" Alfredo Jaars, das den Genozid der Hutu an den Tutsi von 1994 thematisiert, der in nur 100 Tagen etwa 800.000 Opfer forderte.

Zwei der Installationen Jaars, die Matthias untersucht, bilden auf verschiedene Weise nichts anderes ab als die beiden Augen einer Tutsi-Frau, die mitansehen musste, wie der Rest ihrer Familie in einer Kirche mit Macheten niedergemacht wurde. Nach der zufällig gelungenen Flucht mit ihrer 12-jährigen Tochter kehrte sie an den Ort des Massakers zurück und ließ sich Wochen später von Jaar imitten der immer noch dort umherliegenden und verwesenden Toten fotografieren. In Jaars Installation "The Eyes of Gutete Emerita" (1996) blickt dieses Opfer nun den Ausstellungsbesucher an, der nichts als ihre Augen sehen kann: "Ohne sich dessen erwehren zu können, werden die Rezipienten selbst zum betrachteten Objekt. Der passive Status des Bildes wird dadurch aufgehoben und die Betrachter Teil einer rezeptionsästhetischen Interaktion", interpretiert Matthias.

"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" - Gefahren der Affirmation

Einen ähnlichen Sammelband wie Karmasin und Faulstich haben Barbara Feichtinger und Helmut Seng bereits im Jahr zuvor herausgegeben. Der Titel des aus dem kulturwissenschaftlichen Konstanzer Sonderforschungsbereichs "Norm und Symbol. Die kulturelle Dimension sozialer und politischer Integration" hervorgegangenen Projekts verpricht ebenfalls die Auseinandersetzung mit dem Thema "Krieg und Kultur" - und auch hier interessiert die Herausgeber das "Spannungsverhältnis, das zwischen Zerstörung und Befruchtung, Destruktion und Konstruktion oszilliert", wie es im Vorwort etwas blumig heißt. In der darauf auch noch folgenden "Einleitung" des Bands lässt sich an einigen weiteren Formulierungen um so deutlicher beobachten, was auch in Büchern wie der erwähnten Studie Warburgs oder auch in Philipp von Hilgers ambitionierter Untersuchung "Kriegsspiele. Eine Geschichte der Ausnahmezustände und Unberechenbarkeiten" (2008) bei aller Brillanz der Darstellung manchmal irritiert: die möglicherweise unbewusste Tendenz zur affirmativen Sentenz.

"Das existentielle Moment des Krieges appelliert an archetypische Gefühlswelten und weckt tiefe Emotionen des Eingebundenseins in ein größeres Ganzes", meinen etwa Feichtinger und Seng: "Die Emotionalität und gemeinschaftliche Ekstase sind in der Konfrontation mit dem Tod am intensivsten." Nun kann man einwenden, solche Sätze versuchten lediglich eine Beschreibung gängiger Sichtweisen des Kriegs und intendierten damit nicht gerade, gleich voller Einverständnis so etwas wie Martin Heideggers Ideologie eines 'eigentlichen' "Vorlaufens zum Tode" nachzubuchstabieren. Gewiss: Missverständnissen kann man wahrscheinlich überhaupt nur schwer entkommen, wenn man das komplexe Verhältnis von Krieg und Kultur untersuchen möchte - und zwar im Fall des Sammelbands "Krieg und Kultur" die "Strategien kultureller Legitimation, Propaganda und Inszenierung des Krieges auf der einen Seite, künstlerische Verarbeitung der Kriegsthematik auf der anderen."

Dennoch mögen Sätze wie die folgenden mit ihrem hochfahrenden Timbre für manchen Leser etwas merkwürdig klingen: "Der Krieg vermag das absolute Böse zu verkörpern, und doch zogen über Jahrtausende immer wieder Männer willig in den Kampf, um sich für Größeres und Höheres zu opfern, und Frauen applaudierten. Krieg weckt die Bestie und das Beste im Menschen. Überspitzt formuliert: Er markiert die Pole des Menschenseins. Es ist die Doppeldeutigkeit des Krieges, die ihn so gefährlich, scheinbar unwiderstehlich macht. Wer Krieg verhindern will, muss gerade auch die positiven Gefühle begreifen, die er erweckt und die ihn befördern."

Letzteres ist gewiss richtig - referiert der Satz doch lediglich eine Einsicht, die bereits Klaus Theweleit in seinen "Männerphantasien" Ende der 1970er-Jahre in Blick auf die Freikorpsliteratur der Weimarer Republik formulierte. "Man kann es auch so sagen", schreibt Theweleit: Es gehe "nicht an, den Faschismus (oder irgend einen anderen geschichtlichen Gegenstand) als ein dem eigenen Selbst gegenüberstehendes Fremdes zu begreifen." Wenn man akzeptiere, dass "es eine 'faschistische' Art und Weise gibt, die Realität zu produzieren und diese dabei als eine in bestimmter Weise entstellte Form der Wunschproduktion ansieht", argumentiert er mit Deleuze und Guattari, "dann muß man auch akzeptieren, daß der Faschismus keine Frage der Staatsform ist, auch nicht einfach eine Frage der Wirtschaftsform, überhaupt nicht eine Frage des Systems."

In Feichtingers und Sengs "Einleitung" ist das aber nur als knappe, vage Andeutung hingeschrieben worden und steht da zusammen mit weiteren, eher lose formulierten Feststellungen, die teils geradezu so klingen, als solle der Krieg als eine Art Naturgesetz, als unhintergeh- und unvermeidbares Faktum menschlichen Daseins beziehungsweise seines 'kulturellen' Schaffens hingenommen werden. Wird die perfide Perfektion mörderischer Apparaturen und kultureller Organisationsformen thematisiert, die auf die Vernichtung von Menschenmassen abzielen, so muss man also wohl ganz besonders auf die Feinheiten der Formulierungen achten, um nicht den Eindruck zu erwecken, man sei am Ende selbst von der positiv empfundenen Faszination des Kriegs ergriffen: "Der Krieger ist bereit, sein Leben für die Gemeinschaft zu opfern, wenn die Gesellschaft ihn entsprechend - im wahrsten Sinne des Wortes - honoriert: Durch Macht und Autorität innerhalb der Gemeinschaft, durch kollektive Inszenierung von Prestige, Status und Ehre, durch ökonomische Vorteile für die Überlebenden - und durch (kollektive) Erinnerung an die Toten." Ja, dem ist wohl so. Aber sollte man an der Stelle nicht doch noch schnell dazu schreiben, dass solche Rituale besser abgeschafft würden?

Zur Literatur der 'katastrophischen Nation'

Das ändert andererseits nichts daran, dass alle erwähnten Bände mit teils frappierenden Erkenntnissen aufwarten, mediale Zusammenhänge der Kriegsdarstellung ganz neu ins Auge fassen und vor allem auch ein breites Spektrum an Fokussierungen anbieten - im Fall des Buchs von Feichtinger und Seng etwa von der biblischen Darstellung des Heiligen Kriegs und des Messianismus bis hin zur "Kriegspornografie" der "Bilderfolter von Abu Ghraib". Fast hat man angesichts solch weit gespannter Bögen den Eindruck, man könne in der Kulturwissenschaft von einem "Military Turn" sprechen - so vielfältig sind mittlerweile die Untersuchungsansätze in diesem Themengebiet.

Der Konstanzer Privatdozent Matthias Schöning zum Beispiel fällt in gleich zwei der hier besprochenen Bücher mit Aufsätzen auf, die im Rahmen seines Habilitationsprojekts zum deutschen Kriegsroman von 1914-1933 entstanden sind. Er ist sowohl in Feichtingers und Sengs Sammelband als auch in jenem gewichtigen 'Monstrum' vertreten, das in der Reihe der "Schriften des Erich Maria Remarque-Archivs" unter dem so simplen wie gleichsam donnernden Titel "Information Warfare" erschienen ist.

Schöning arbeitet heraus, dass die Kriegsromane der Weimarer Republik jenen verlorenen Kommunikationszusammenhang erst wieder in der Gesellschaft restituierten, der eine erneute Bezugnahme auf das verhängnisvolle politische Phantasma einer "katastrophischen Nation" (Omer Bartov) ermöglichte, das nach dem Ersten Weltkrieg eigentlich schon längst als desavouiert gelten musste. Darin lag wohl auch der schnelle und große Erfolg von Texten wie Ernst Jüngers "In Stahlgewittern" (1920) und vor allem auch Erich Maria Remarques Multi-Bestseller "Im Westen nichts Neues" (1928) begründet - zwei Klassikern der literarischen Kriegsdarstellung, die mehr gemeinsam haben als mancher annehmen mag: Ihre "Resozialisierung der stummen Erfahrung ungezählter Einzelner" sei sogar wesentlich politischer aufzufassen als deren "anschließende Kolonisierung durch politische Programme", konstituiere sie doch erst "den Zusammenhang, den jene wieder fragmentierten", schreibt Schöning.

So entstehe ein "Chiasmus", den man in der Tat auch besonders gut auf "Im Westen nichts Neues" und seine kontroverse frühe Rezeption beziehen kann: "Dort, wo in der Literatur der Einzelne von seiner Einzelheit spricht, resozialisiert sie dessen Erfahrung, dort wo kollektiv verbindlich sein sollende Schlussfolgerungen gezogen werden sollen, wirkt sie desintegrativ." Daher auch die verstärkte Flankierung solcher Kriegstexte und Frontromane durch Motti, Vor- und Nachworte, um die Leser von derlei Unstimmigkeiten abzulenken. Sie sollen, erklärt Schöning, von der möglichen Mehrdeutigkeit von Figurenreden abstrahieren und als paratextuelles Beiwerk auf Einsinigkeit pochen.

Auch Schöning ringt übrigens im "Information Warfare"-Band um eine passende Schlussformulierung seines Aufsatzes, die das oben geschilderte Dilemma drohender Affirmation des überkommenen Projekts eines radikal-nationalistischen Kollektivs durch seine neuerliche Beschreibung und Untersuchung anhand literarischer Darstellungen refelektiert. Dass sich dieses Projekt des 'katastrophischen Nationalismus' nach der gescheiterten Weimarer Republik abermals "in Gestalt des Nationalsozialismus zwölf schreckliche Jahre behaupten konnte, hat seine Ursache nicht in der Literatur, doch sollte man sie als Mittel zur Aufklärung deshalb nicht vernachlässigen und lieber genau lesen, anstatt sie als Überbringer schlechter Nachrichten zu schmähen", heißt es da in auffälliger Defensive.

Gemeinschaftsstiftendes Zeitgefühl 'alla tedesca'

Eine Reihe von Aufsätzen zur Ideengeschichte des Kriegs in jener Zeit bietet auch der von Wolfgang Hardtwig herausgegebene Band "Ordnungen in der Krise. Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900-1933". So zeigt darin der Münchner Historiker Martin H. Geyer in seinem Beitrag zur "Zeitsemantik und der Suche nach Gegenwart in der Weimarer Republik", dass der empfundene Ordnungsverlust nach der deutschen Kriegsniederlage von 1918 auch als fundamentale Ungleichzeitigkeit innerhalb der Gesellschaft erlebt wurde. Die Sehnsucht nach der Wiederkehr gemeinsamer Emotionen führte dann zum Erfolg von verhängnisvollen Konzepten wie dem der "Volksgemeinschaft" - und obwohl es diese gesellschaftliche Einheit tatsächlich auch nach 1933 genauso wenig gab wie zuvor, versuchten die Nationalsozialisten, diese völkische Ganzheit immer wieder neu zu inszenieren.

Eine neue vernichtende Qualität erreichte dabei die durch die Konstrukte von "Rasse" und "Volk" geschaffene Illusion von Gleichzeitigkeit, die für die ausgegrenzten "Gemeinschaftsfremden" allerdings eine "fundamentale Erfahrung von 'Ungleichzeitigkeit'" nach sich zog, wie Geyer feststellt. Auch nach 1945 bewegte man sich in der Erinnerung an den Krieg gerne weiter auf dieser Ebene 'volksgemeinschaftlichen' Zeitempfindens. So thematisierte der Mediävist Hermann Heimpel 1954 das Leid der deutschen Flüchtlingstrecks und der Bombennächte ab 1943, um seine "enttäuschten Erwartungen an eine nationale Gleichzeitigkeit" zu verklausulieren. "Wir wissen es zweifellos besser", beschließt Geyer seinen Aufsatz. "Für die 'Volksfremden' begann nicht erst im Jahr 1943 der Verlust der 'gemeinsamen Gegenwart'." In der Tat: Sie waren zu dem Zeitpunkt bereits zu einem Großteil in den deutschen Vernichtungslagern des nationalsozialistischen "Generalgouvernements" vergast worden.

Schluss mit lustig - der "Deutsche Humor" als Stifter eines "Vertrauens in Gewalt"

Die Bielefelder Geschichtsprofessorin Martina Kessel untersucht im selben Band eine ganz besondere Form von Gewalt - den "Deutschen Humor" zur Zeit der Weltkriege. Witze, die zu Beginn des Ersten Weltkriegs auf deutscher Seite auf die damalige Propagandaschlacht zwischen den Deutschen und den Alliierten reagierten, klangen demnach etwa so: "Um Jotteswillen, Heinrich, bloß jetzt nich niesen, nachher heest es, Du hast die Kathedrale bombardiert!"

Während heute wohl kaum noch jemand über diesen gewöhnungsbedürftigen 'Nonsens' zu lachen vermag, wurde seinerzeit sofort verstanden, dass der Scherz versuchte, "die scharfe alliierte Kritik an der deutschen Zerstörung französischer Kulturdenkmäler als absurde Fehlwahrnehmung darzustellen", wie Kessel erläutert. Hier habe sich im Humor ein "Erzählmedium" der Gewalt entwickelt. So konnte unter Deutschen eine kriegerische Brutalität neuen Typs thematisiert werden, die auf andere Weise noch nicht offen angesprochen wurde, weil sie in ihrer Radikalität und als Kriegserfahrung bis dato ohne Beispiel war. Es galt, den "alliierten Vorwurf der 'deutschen Barbarei' aufzufangen und die ausgeübte Gewalt in herkömmliche Vorstellungen von soldatischer Männlichkeit zu integrieren", lautet Kessels These. Im Nationalsozialismus dagegen sei es in "humorigen Geschichten" eher darum gegangen, "die Gewalt zu dethematisieren, indem sie die nationalsozialistische Gesellschaft als eine Gesellschaft ohne 'Judenfrage' und den Krieg als einen Krieg ohne Holocaust und Mord beschrieb".

Mit anderen Worten: Auch beim Witzemachen standen die "vergemeinschaftenden und beziehungsstrukturierenden Qualitäten" der Kommunikationsform im Vordergrund. "Geschichten, die als komisch deklariert wurden, transportierten Werte und Normen; wer gemeinsam über Dinge lacht, verständigt sich darüber, was in einer Kultur als absurd und als nicht absurd gilt oder gelten soll. [...] Sie können einschließen und ausschließen, d.h. sie schaffen und unterstützen Wir-Gefühle, benennen aber gleichzeitig, wer nicht dazugehören soll", betont Kessel.

Gewissermaßen dokumentarische Schützenhilfe bekommen diese Thesen der Autorin durch die in dem Band "Krieg, Medien, Kultur" publizierten Beiträge Helmut Kortes (über "Die Mobilmachung des Bildes - Medienkultur im Ersten Weltkrieg") und Thomas Flemmings ("Zwischen Propaganda und Dokumentation des Schreckens. Feldpostkarten im Ersten Weltkrieg") - warten diese doch mit vielen frappierenden Abbildungen von Bildwitzen, Karikaturen und Propagandamotiven auf, die in Kessels Studie fehlen, ihre Erläuterungen aber noch einmal besonders sinnfällig erscheinen lassen.

Besonders am "Deutschen Humor" war laut Kessel bereits seit dem 19. Jahrhundert die seltsame Verquickung von "Heiterkeit" und "Ernst" - wohingegen man Satire und Ironie als "zersetzende" Momente ablehnte. In der bürgerlichen Ästhetik der Deutschen "galt eine Darstellung dann als 'humorig', wenn sie am Ende alle Gegensätze harmonisierte durch ein alles überwölbendes gemeinsames Lachen." Satirische Kritik an der Gesellschaft oder gar beißende Polemik hatten in diesem 'Humor'-Konzept selbstverständlich keinen Platz - und im Ersten Weltkrieg wurde um so klarer, worauf so etwas hinauslaufen musste: die breite Konsensstiftung eines regelrechten "Vertrauens in Gewalt", wie es Jan Philipp Reemtsma in seinem Buch "Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation in der Moderne" genannt hat.

So lachte man also etwa kopfschüttelnd darüber, dass andere Nationen etwas dagegen haben konnten, dass die Deutschen ihr Land überrannten und in Schutt und Asche legten - oder im Zweiten Weltkrieg darüber, dass ein Kamerad sich an einem "fröhlichen Abend" den Schädel "ratzekahl" scheren ließ. Sei das doch ein "Haarschnitt, wie man ihn bei uns nur an gewissen Kategorien von Menschen findet".

Selten so gelacht: "'Deutscher Humor' war nicht komisch gemeint", unterstreicht Kessel zum Ende ihres Beitrags. Lachen konnte man in Deutschland also meistens nur, solange es der Unterstützung des Staats und der 'Volksgemeinschaft' diente. Sobald irgendwer den vaterländischen Krieg ablehnte, war gewissermaßen 'Schluss mit lustig'. "Humor" in Deutschland bedeutete Einverständnis, selbst wenn Millionen Tote dabei herauskamen - und nicht die nonkonforme Kritik solcher Ideologien.

Gerade der letztzitierte "Witz" zeigt aber auch, wie üblich ein gemeinsames Wissen über das eliminatorische System der Judenvernichtung war. Dessen Funktionsweisen in den Konzentrationslagern, in denen die "Anderen" kurzerhand als auszulöschende "Untermenschen" deklariert wurden, mussten hier offensichtlich gar nicht mehr erwähnt werden: "Dass der Raum des Schweigens aber auch ein Raum geteilten Wissens war, zeigte sich gerade in der Selbstverständlichkeit, mit der die radikale Ausgrenzung, auf der die deutsche Politik basierte, zwischendurch und mittendrin auftauchte", schreibt Kessel. "Humorige Geschichten förderten eine getrennte Wahrnehmung von Krieg und Holocaust, aber wer den Krieg über diese Medien wahrnahm, konnte jederzeit die Gewalt sehen, die im Gelächter über die anderen mitschwang."

Goodbye Blue Sky - "Information Warfare" als kommendes wissenschafliches Paradigma

Die wenigen hier herausgegriffenen Beiträge stellen nur einen winzigen Auschnitt dessen dar, was allein schon in den besprochenen Büchern zur 'Kriegskultur' und ihrer medialen Vermittlung geschrieben worden ist. Vor allem der Band "Information Warfare" erschlägt den Leser geradezu mit der Masse von Themen und Aspekten, die er verhandelt.

Im Grunde ist kaum ein überzeugenderer Beleg als sein Inhaltsverzeichnis für die unüberschaubar werdende Untersuchung der Kriegsthematik in der Kulturwissenschaft denkbar: Er verzeichnet immerhin 48 Aufsätze. Neben Beiträgen zu "Public Relations in Kriegszeiten" und dem "Entwurf einer Phänomenologie des Krieges" geht es hier um so divergente Dinge wie "British Football on the Western Front 1915-1918", gleich mehrmals um das Medium der Feldpostbriefe, um "Kriegs-Mode" in den NS-Zeitschriften "die neue linie" und "Die Mode", "Sergio Leone's 'Spaghetti Westerns' and the Vietnam Years", um "Information Warfare" in französischen und deutschen Schulbüchern der Gegenwart, die Rhetorik des Kriegsfeuilletons zum Irakkrieg, Computerspiele und Krieg - und Vieles dergleichen mehr.

Zurechtfinden muss sich darin wohl jeder Leser selbst. Soviel ist klar: Der Krieg hört nicht auf, er kehrt zurück, er ist überall präsent. Selbst im Modus von Sentimentalität und Kitsch, wie Jürgen Joachimsthaler in seinem Beitrag "Die Idylle im Krieg" herausarbeitet: "Alles ist kitschbereit im Krieg." Nicht nur Kunstwerke, sondern auch wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit medialen Repräsentationen des Kriegs müssen das reflektieren, um nicht in Affirmation abzurutschen: Auf die Nuancen des Stils als Gradmesser der Reflexion des eigenen Vorgehens kommt es hier in gesteigertem Maße an, damit die Untersuchungen einer "Banalisierung des Militärischen" am Ende nicht selbst zum Multiplikator ihres Untersuchungsgegenstands geraten.

In diesem Sinne sei dieser Artikel beschlossen mit den letzten Versen aus dem von Joachimsthaler als Beispiel einer 'anklagenden Idylle' erwähnten Pink Floyd-Songs "Goodbye Blue Sky" von der Doppel-LP "The Wall" (1979), mit der unsereins aufgewachsen ist, um adoleszente Larmoyanz zum Lebensexlixier zu adeln. Heute ist man klüger - oder doch nicht? Worum handelt es sich? Ist es Kitsch? Ist es Affirmation? Oder doch die "Offenlegung von Gewalt, durch sarkastische Übertreibung oder kontradiktorische Montage", also als Entlarvung 'falscher Idylle' und 'natürlicher' Ganzheitlichkeit, wie Joachimsthaler auch im Blick auf die "The Wall"-Verfilmung Alan Parkers nahelegt?

Entscheiden Sie selbst: "Oooooooo ooo ooooo ooo oooh / Did, did, did, did you see the frightened ones / Did, did, did, did you hear the falling bombs / The flames are all long gone / But the pain lingers on / Goodbye blue sky / Goodbye blue sky / Goodbye / Goodbye".

Anmerkung der Red.: In einer kürzeren Version erschien der Artikel bereits in der August- / Septemberausgabe Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, "Mittelweg 36".


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Tanja Thomas / Fabian Virchow (Hg.): Banal Militarism. Zur Veralltäglichung des Militärischen im Zivilen.
Transcript Verlag, Bielefeld 2006.
432 Seiten, 28,80 EUR.
ISBN-10: 3899423569

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Barbara Feichtinger / Helmut Seng (Hg.): Krieg und Kultur.
UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2006.
214 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-10: 3879408017
ISBN-13: 9783879408016

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Niels Werber: Die Geopolitik der Literatur. Eine Vermessung der medialen Weltraumordnung.
Carl Hanser Verlag, München 2007.
333 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783446209473

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Aleida Assmann: Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung.
Verlag C. H. Beck, München 2007.
160 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783406562020

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Claudia Glunz / Artur Pelka / Thomas F. Schneider (Hg.): Information Warfare. Die Rolle der Medien (Literatur, Kunst, Photographie, Film, Fernsehen, Theater, Presse, Korrespondenz) bei der Kriegsdarstellung und -deutung.
V&R unipress, Göttingen 2007.
636 Seiten, 41,00 EUR.
ISBN-13: 9783899713916

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Wolfgang Hardtwig: Ordnungen in der Krise. Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900-1933 (= Ordnungssysteme 22).
Oldenbourg Verlag, München 2007.
566 Seiten, 79,80 EUR.
ISBN-13: 9783486581775

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Dietmar Dath: Waffenwetter. Roman.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2007.
288 Seiten, 17,80 EUR.
ISBN-13: 9783518419168

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e.V. Multitude / Unfriendly Takeover (Hg.): Wörterbuch des Krieges / Dictionary of War.
Merve Verlag, Berlin 2007.
240 Seiten, 16,80 EUR.
ISBN-13: 9783883962399

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Jens Warburg: Das Militär und seine Subjekte. Zur Soziologie des Krieges.
Transcript Verlag, Bielefeld 2008.
374 Seiten, 32,80 EUR.
ISBN-13: 9783899428520

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Matthias Karmasin / Werner Faulstich (Hg.): Krieg-Medien-Kultur. Neue Forschungsansätze.
Wilhelm Fink Verlag, München 2008.
186 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783770545636

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Philipp von Hilgers: Kriegsspiele. Eine Geschichte der Ausnahmezustände und Unberechenbarkeiten.
Gemeinschaftsproduktion mit dem Ferdinand Schöningh Verlag.
Wilhelm Fink Verlag, München 2008.
206 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783770546459

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Jan Philipp Reemtsma: Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne.
Hamburger Edition, Hamburg 2008.
500 Seiten, 30,00 EUR.
ISBN-13: 9783936096897

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